Alexander Kissler

Raus aus der Duldungsstarre! – Von der Gefahr falscher Kompromisse

Am 7. Januar 2015 griffen religiöse Fanatiker die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo an. Zwölf Menschen wurden ermordet. Der radikalislamische Terror hatte das Herz Europas erreicht. Und wie reagiert der Westen? Er beschränkt die Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit; beschuldigt die Opfer, entschuldigt die Täter.

Alexander Kissler fragt: Muss man wirklich Verständnis dafür haben, dass besonders Fromme besonders reizbar sind? Wollen wir die Freiheit opfern für die Illusion, dadurch die Freiheitsfeinde zu besänftigen?



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Statement zum Buch

Keim und Kern meines Buches ist eine Erschütterung. Ist jene Trauer, jener Schock, jene Wut, die mich überfielen, als ich vom Massaker in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo hörte. Das war am 7. Januar 2015. Am selben Tag schrieb ich darüber und also auch über den Westen, den Islam und so letztlich über mich einen Kommentar. Lese ich ihn heute, wird mir deutlich, wie unmittelbar nahe mir die Pariser Ereignisse gingen. Ich benannte meine Angst und meine Feigheit: Die Schere im Kopf, sie schneidet nach dem Pariser Massaker umso schärfer. Diese mentale Islamisierung, diese Berührungsscheu ist leider ein Faktum.Zum Artikel im Cicero

Bin ich seitdem mutiger geworden und furchtlos? Ich weiß es nicht. Wohl aber ließ mich das Thema nicht los. Die Frage war zu einem Teil von mir selbst geworden: Was macht den Westen aus, dem ich doch als getaufter Mitteleuropäer selbstverständlich angehöre, warum lösen seine zentralen Prinzipien derart viel Hass aus in manchen Teilen der nichtwestlichen Welt? Denn dass der Westen eher ein Prinzip ist denn eine Region, haben die Anschläge bewiesen. Männer können ihr Leben in den Kernlanden des Westens verbracht haben und sich eines Tages in eine Hassfackel verwandeln, bereit, sich und den Westen zugleich zu verbrennen. Letzteres aber wird ihnen nicht gelingen, darf nicht gelingen.

Doch kann ich mir sicher sein? Hat der Westen mitsamt seinen Freiheitsrechten vielleicht mental schon abgedankt, hat er den Kompass verloren? Immerhin, schrieb ich ebenfalls im Januar 2015, nimmt die Selbstzensur abenteuerliche Formen an: Sonntags werden Presse- und Meinungsfreiheit beschworen, lädt der Staat sich selbst zum Ringelreihen der Standhaften, und von Montag bis Samstag schreddert der Westen seine Werte, triumphiert ein Terror, dessen Drohungen unsere Köpfe längst schockgefrostet hat.Zum Artikel im Cicero

Über einen Punkt wurde ich mir im Ringen mit mir selbst sehr klar: Wenn ich die Wahl habe zwischen einer freien Gesellschaft, in der Spott und Unreife um der Freiheit willen geduldet werden, und einer Gesellschaft, die aus Angst einen islamophilen Schutzwall errichtet und so sich selbst kasteit, dann ist meine Wahl klar: Ich ziehe die freie Gesellschaft mit all ihren Abgründen vor. Lieber setze ich mich in einer freien Gesellschaft für bessere Umgangsformen und bessere Bildung ein, als in einer unfreien Gesellschaft um diese Wahl gebracht zu werden. Genau an dieser Scheidelinie verläuft die Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Rest der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts: Wollen wir die Freiheit opfern für die Illusion, dadurch die Freiheitsfeinde zu besänftigen?Zum Artikel im Cicero

Ich weiß, da sind Einwände parat. Der Grat zwischen Islamkritik und Islamophobie sei schmal. Natürlich, nicht anders verhält es sich mit der Wand zwischen Kirchenkritik und Christophobie. Kritik aber ist in beiden Fällen legitim und geboten, sie macht den Kern des westlichen Prinzips aus; Schmähung und Verleumdung sind es nicht. Letztlich sind der Westen, mit dessen Geschichte ich mich dann im Rahmen der Arbeit an meinem neuen Buch weiter beschäftigte, und der Islam konkurrierende Erzählungen vom Menschen und der Welt, in die er gestellt ist. Diesen Unterschied, der sich zu Widersprüchen auswachsen kann, zu benennen, ist ein Dienst an jener guten Sache, die wir Freiheit nennen. Und die ohne die Bereitschaft zur Unterscheidung nicht zu haben ist.

Wenn ich denn also lernte und nun aufschrieb, wie wichtig Cicero und das Naturrecht, die Bibel und John Locke und Voltaire für den Westen sind, will ich damit einen Beitrag leisten zu dem, was bitter nottut: zur Rückgewinnung der Auskunftsfähigkeit. Wir Menschen des Westens müssen unsere gemeinsame Geschichte wieder erzählen können. Wir müssen wieder wissen, woher wir stammen, wie wir wurden, was wir sind, und diese Geschichte weitertragen – unverzagt, gelassen, nimmermüde. Wir müssen, um die Toleranz zu ihrer wahren Größe zu befreien, erkennen, dass sie nicht Ignoranz meint und nicht Desinteresse. Wir müssen, wie Voltaire es ausdrückte, uns unsere Dummheiten wechselseitig verzeihen. Ein sprachloser, geschichtsvergessener Westen wäre kein Westen mehr, und eine Welt ohne das westliche Prinzip wäre eine andere, eine unfreiere Welt.

So hoffe ich, mit Keine Toleranz den Intoleranten einen Stein an der richtigen Stelle in jenen Ozean der Freiheit geworfen zu haben, der sich bewegen muss, damit er nicht umkippt, abstirbt, zum Himmel stinkt. Die Grenzen der Schicklichkeit habe ich dabei gewiss nicht verletzt, höchstens hie und da jene der Political Correctness. Wer es anders sieht, möge das urwestliche Prinzip der Kritik anwenden und mir widersprechen.

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Alexander Kissler, August 2015

Über Alexander Kissler

Alexander Kissler

Alexander Kissler, Dr. phil., ist Kulturjournalist und Sachbuchautor. Er wurde 2002 Redakteur im allgemeinen Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, dessen Autor er bis Oktober 2010 war. In den Jahren 2007 und 2008 schrieb er regelmäßig für den Politikteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Beim Magazin Focus war er von Oktober 2010 bis April 2012 Redakteur, erst bei Kultur und Leben, dann in der Debatte. Seit Januar 2013 hat Alexander Kissler die Leitung des Kulturressorts Salon beim Cicero inne, dem Monatsmagazin für politische Kultur aus Berlin. Mehr zum Autor unter www.alexander-kissler.de

Von der Gefahr falscher Kompromisse!

Welche Werte sind uns wirklich wichtig?

Schweinefleisch verschwindet aus Schulbüchern, die Moschee von der Seifenpackung – die Selbstzensur des Westens treibt absurde Blüten. Zwar werden Presse- und Meinungsfreiheit beschworen, aber der IS-Terror wirkt: Nach den Pariser Anschlägen wird hier und da gefordert, man müsse Blasphemie stärker unter Strafe stellen …

Muss man wirklich Verständnis dafür haben, dass besonders Fromme besonders reizbar sind? Wollen wir die Freiheit opfern für die Illusion, dadurch die Freiheitsfeinde zu besänftigen?

Alexander Kisslers neues Buch Keine Toleranz den Intoleranten ist ein entschiedener Aufruf, die Meinungs- und Religionsfreiheit selbstbewusst zu stärken.

Wenn wir nicht aufhören, so der Autor, mit falsch verstandener Toleranz, faulen Kompromissen, bedingungsloser Political Correctness und Selbstzensur, verlieren wir unsere Freiheiten. Kissler fordert daher, dass der Westen die eigene Geschichte, die bei Aristoteles beginnt und bei Voltaire nicht endet, neu entdecken muss; und den Mut aufbringen, seine Prinzipien entschlossen zu verteidigen:

Der Westen hat sich zur Vereinigung der Menschen entwickelt, denen alles egal ist, solange niemand sie beim Lebensgenuss und dessen Verdauung stört. Toleranz aber ist ohne Haltung nicht zu haben.

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