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Ede und Unku: über das Schicksal einer Kinderbuchheldin

Ede und Unku – mit über 5 Mio Exemplaren eines der meistverkauften Bücher in Deutschland. Die Erstausgabe erschien 1931, das Buch war viele Jahre Schullektüre in der ehemaligen DDR und erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und dem Sintimädchen Unku während der Weimarer Republik. Doch was kaum jemand weiß: Schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde das Buch verboten und das »Zigeunermädchen« Unku in einem Konzentrationslager umgebracht.

Der Musiker Janko Lauenberger ist Unkus Ur-Cousin. Zusammen mit Juliane von Wedemeyer erzählt er in diesem Buch ihre wahre Geschichte und gleichzeitig seine eigene als Sintikind in der ehemaligen DDR und später im wiedervereinigten Deutschland.

Liebe Frau von Wedemeyer,
lieber Herr Lauenberger,

es ist ja schon spannend die „Helden“ oder Romanvorbilder aus Büchern persönlich zu kennen. Haben die Verwandten Unku so beschrieben, wie sie auch im Buch „Ede und Unku“ beschrieben wurde? Oder war sie ganz anders? Ist die Kinderbuch-Geschichte tatsächlich so gewesen?

Lauenberger: Meine Großmutter Kaula kannte Unku ja sehr gut. Leider ist sie vor meiner Geburt gestorben. Aber ihren Kindern – also auch meiner Mutter – hat sie Unku beschrieben. Und zwar tatsächlich so, wie Alex Wedding sie in ihrem Buch dargestellt hat: als ein lustiges Mädchen, das unglaublich gut und gern tanzte. Unkus Vater, mein Urgroßonkel, hat das Dritte Reich ja überlebt und nach dem Krieg in Westberlin eine neue Familie gegründet. Er und seine Frau haben mit ihren Kindern, also Unkus Halbgeschwistern, oft über Unku gesprochen. So blieb sie bis heute in unserer Familie präsent – in Ost und West.

Wedemeyer: Und der Journalist Reimar Gilsenbach hat Kaula in den 60er Jahren interviewt – eben auch zum Thema Unku. Sie hat ihm die Geschichten aus dem Buch bestätigt. Gilsenbach hat fast all seine Gespräche aufgenommen. Einen Teil konnten wir uns nun auf Tonbändern anhören.

Warum, glauben Sie, hat die Autorin des Kinderbuches die Geschichte von „Ede und Unku“ als Grundlage für ihr Buch gewählt?

Lauenberger: Ich denke, die beiden haben sie beeindruckt. Ihre Freundschaft war damals etwas wirklich Besonderes. Gegen Sinti gab es ja eigentlich immer Vorurteile. Auch in den 20ern, als Ede und Unku sich kennenlernten. Darum ist mir Ede auch so sympathisch. Er hat sich darüber hinweggesetzt.

Weddings Anliegen, den Kommunismus zu propagieren und den Klassenkampf zu stärken, ist ein schwieriges Unterfangen in einem Kinderbuch.

Wedemeyer: Das stimmt. Aber wahrscheinlich wurde es nur darum Teil des DDR-Lehrplans. Obwohl wir in der Schule ständig über Klassenkampf gesprochen haben und die meisten Kinder – so wie wir es gelernt hatten – natürlich gegen die reichen Kapitalisten und für die armen ausgebeuteten Arbeiter waren, war es doch mehr ein Erwachsenen-Thema. Auch in „Ede und Unku“ interessierte mich damals vor allem die Geschichte der beiden Kinder. Die ist mir in Erinnerung geblieben. Den Rest habe ich eher überflogen. Und so ging es – glaube ich – vielen.

Spielten da auch diese typischen Klischees eine Rolle, die über Sinti und Roma in Umlauf waren und auch noch sind und die bestimmt auch eine gewisse Faszination austrahlen?

Wedemeyer: Abenteuer, Reisen, Freiheit, Lagerfeuer und Musik? Ich bin in den 80er Jahren groß geworden. Ich hatte natürlich diese romantisierenden Klischees im Kopf. Ich wollte so leben wie Unku beziehungsweise so, wie ich mir ihr Leben vorgestellt hatte. Immerhin wohnte sie in einem Wohnwagen und hatte ein echtes Pony.

Lauenberger: Leider sind das ja nicht die einzigen Klischees und Vorurteile über mein Volk.

Wedemeyer: Leider nicht. Dass Sinti und Roma diskriminiert werden, war mir gar nicht bewusst, bevor ich „Ede und Unku“ gelesen hatte. Für dich dagegen war es ja immer deine persönliche Geschichte.

Lauenberger: Ja, zum einen, weil mir mein Großvater Seemann viel über die Nazizeit erzählt hatte. Er war mit Unku in Auschwitz. Zum anderen, weil ich später Diskriminierung am eigenen Leib erfahren habe. Obwohl es Rassismus in der DDR offiziell nicht gab. Manche Vorurteile stecken aber einfach hartnäckig in den Köpfen der Leute fest.

Im Dritten Reich wurden Sinti und Roma allein ihrer Herkunft wegen als asozial, arbeitsscheu und kriminell eingestuft und verfolgt. Sie waren Opfer eines geplanten Völkermordes wie die Juden und doch scheint diesem Verbrechen weniger Bedeutung beigemessen zu werden. Warum?

Lauenberger: Das frage ich mich auch. Wahrscheinlich dachten viele: „Die kamen ins KZ, weil sie asozial waren, das hat ja nichts mit Völkermord zu tun.“ Aber diese Sichtweise ist purer Rassismus. Genauso haben die Nazis doch ihre Taten gerechtfertigt. Mittlerweile hat sich da einiges geändert. Es gibt beispielsweise Mahnmale für unsere Opfer, aber es gibt eben noch immer Menschen, die so denken. Das macht mich wütend und traurig. Das war auch einer der Gründe für uns, dieses Buch zu schreiben.

Ein guter Grund und ein tolles Buch das hier in der Zusammenarbeit mit Ihnen und Frau von Wedemeyer entstanden ist. Herzlichen Dank für Ihr Engagement und für dieses Gespräch!

Mehr zum Buch gibt es auf der Homepage des Verlages: Hier geht es weiter zum Special »Ede und Unku«

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