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Der Blog des Gütersloher Verlagshauses
Kerry Egan: Leben

Es ist ein wunderbares Leben, und dann geht man…

Es gibt Bücher, die machen etwas mit einem: Während der Bearbeitung des Textes, wenn man tief eintaucht in die Gedankenwelt des Autors, seine Sprache und man dann das Glück erlebt, wirklich bewegt zu werden – das ist ein Highlight in der Lektoratsarbeit.

So ist es mir mit dem Text von Kerry Egan ergangen. Kerry Egan ist Hospizseelsorgerin und erzählt in ihrem Buch Geschichten von Sterbenden. Sie hat einen außergewöhnlich warmherzigen Blick auf ihre Patienten, auf deren Geschichten, nähert sich ihnen mit viel Demut, Respekt und Einfühlungsvermögen. Sie urteilt nicht, nimmt die Erfahrungen und Erlebnisse an, steht ihren Patienten helfend, manchmal auch einfach schweigend zur Seite. Kerry Egan hat selbst eine schwierige Krankheitsgeschichte erlebt, die ihren Blick und ihre Interpretation dieser Geschichten auf ganz eigene Weise schärft.

Obwohl sie Geschichten von Sterbenden erzählt, ist dies ein Buch über das Leben – das unbedingte, kostbare Leben! Was macht das Leben lebenswert, was ist wirklich wichtig im Leben? Diesen Fragen geht das Buch nach. Manchmal muss man lachen, manchmal hat man einen dicken Kloß im Hals – aber jedes Erlebnis hat etwas, das hängenbleibt, das einen innehalten lässt. Für mich ein ganz besonderes Buch – das hoffentlich ganz viele Leser und Leserinnen finden wird.

 

Hier eine kleine Textprobe:

Cover: Kerry Egan. Leben„… Seine Frau hatte mich nicht gebeten, ihn zu trösten. Ich sollte ihn einfach sehen. Darin war ich gescheitert. Ich hatte ihn besucht, ihn aber letztlich nicht gesehen. Ich hatte es nicht geschafft, an seinem vom Schlaganfall beschädigten Körper vorbeizusehen.
Der Wunsch, als die Person, die man ist, gesehen, gekannt und akzeptiert zu werden, kommt bei meinen Familien und Patienten immer wieder einmal hoch. Es muss hart sein, wenn andere Leute den eigenen Körper ganz anders wahrnehmen als man selbst es tut, und wenn man nur anhand dieses Körpers beurteilt wird. Es muss hart sein, wenn die Menschen um einen herum sich weigern, einen so zu akzeptieren, wie man sich selbst sieht und einen stattdessen furchterregend oder bemitleidenswert finden….“

(…)Das, was man verliert, formt, wer man wird. Daran führt kein Weg vorbei. Die Verluste löschen jedoch nicht aus, was vorher war. Dass diese Frau ihre beiden Babys verloren hatte, änderte nichts an der Tatsache, dass sie Mutter geworden war und es auch nach dem Tod der Kinder bleiben würde. Der Sprachverlust meines Schlaganfallpatienten nahm ihm nicht seine Jahre als Vater, Ehemann, Anwalt, Klavierspieler.
Manchmal schmerzt ein Verlust so sehr, dass eine äußere Schale das einzige Mittel zum Schutz unserer Seele zu sein scheint, eine Schale, die so hart ist, dass wir uns selbst nicht mehr wiedererkennen. Und doch sind wir immer noch da. Alles, was wir waren, ist noch da. Es ist nur verborgen. Und manchmal sogar vor uns selbst.
Als ich krank war und auch noch Jahre danach hätte ich alles dafür gegeben, in der Zeit zurückspringen zu können. Wieder die Frau sein zu können, die ich war, bevor ich krank wurde. Ich vermisste sie, vermisste die Frau, die ich gewesen war – ihren Verstand, ihren Körper, ihr Seelenleben, ihre Ansichten über sich selbst und die Welt. Ich wollte sie wiederhaben. Ich wollte wieder sie sein. Ich dachte, sie wäre für immer fort. Ausgelöscht.
Doch so funktioniert es nicht. Ich konnte nicht zurück und wieder die sein, die ich damals war. Aber der Mensch, der ich damals gewesen war, war auch nicht weg.(…)“

 

Mehr aus diesem besonderen Buch lesen Sie in der Read ’n‘ go Leseprobe »Leben«, die ich Ihnen sehr empfehlen möchte.

Ihre Sigrid Fortkord
Programmleitung Sachbuch

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