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Hubertus Meyer-Burckhardt über seine »Frauengeschichten«

Weisheit und Lebenserfahrung – vom Talk zum Buch

Hubertus Meyer-Burkhardt © picture alliance Uwe Zucchi

Im Interview mit Clemens Benke (Klassik Radio)  sagt Hubertus Meyer-Burckhardt: »Ich porträtiere einmal im Monat eine Frau – von Helene Fischer über Erika Pluhar, Christine Westermann, Elke Heidenreich bis hin zu Veronika Ferres. Ich spreche mit diesen starken, interessanten Frauen im Radio – Zehn dieser Geschichten gibt es nun in diesem Buch. Ich freue mich sehr darüber. In der Tendenz ist es so, dass Frauen das Leben viel klarer sehen und es so nehmen, wie es kommt. Sie sind bereit, es zu leben, während Männer eher zu einer gewissen Larmoyanz neigen. Ich hoffe, ich gehöre nicht zu diesen Männern, jedenfalls nicht allzu oft.« Und so erfahren wir im Prolog des Buches mehr über die Entstehung der Geschichten und den Mann, der diese Geschichten an seine Hörerinnen und Hörer – und jetzt auch Leserinnen und Leser – weitergibt:

Annelie Keil, Soziologin, Mitbegründerin der Universität Bremen, früher Kämpferin für den Kommunismus, heute Kämpferin gegen den Krebs – gegen ihren Krebs –, war ganz zu Beginn Gast in meiner Radiosendung »Meyer-Burckhardts Frauengeschichten«. Eine Frau, der kein Schicksalsschlag erspart blieb und die dennoch oder deshalb die Lebensfreude in Person ist. Ihr Credo:

»Das Leben muss nicht halten,
was ich mir von ihm versprochen habe.«

Das Leben sei eben eine ungesicherte Unfallstelle, und für eine glückliche Kindheit sei es nie zu spät. Und genau das, was Annelie Keil formuliert, hat mich schon immer an Frauen interessiert: dass eine Liebeserklärung an das Leben den Kampf gegen Trübsinn und Selbstmitleid einschließt.

Als kleiner Junge hatte ich einem prügelnden und meist alkoholisierten Vater zu vergeben. Hat mich das Leben je gefragt, ob ich den wollte? Nein. Genauso wie Annelie Keil nicht gefragt wurde, ob sie es erstrebenswert fand, in Hitlers Reich hineingeboren zu werden. Sicher nicht!

»Glücklich sein ist eine Entscheidung«, pflegte meine Mutter zu sagen. Und sie übernahm in diesem Geist, gemeinsam mit meiner Großmutter, den Haushalt, nachdem ich im Alter von etwa zwölf Jahren meinen Vater aus dem Haus geworfen hatte. Meine Großmutter, die sich als »Hohepriesterin der Unvernunft« verstand, lebte nach der Devise:

Wir rechnen mit dem Schlimmsten und hoffen auf das Beste.

Zwei Weltkriege hatte sie überlebt, alles verloren, nur ihr Leben nicht, und das sei aus ihrer Sicht doch recht erfreulich. Meine ›frühen‹ Freundinnen lud sie regelmäßig in eine Weinstube ein. Wenn sie nicht trinkfest waren, dann erhielt ich am nächsten Tag einen Anruf: »Mein Junge, die kannst du vergessen. Die verträgt ja nichts.« Und das hat mich interessiert, als ich »Meyer-Burckhardts Frauengeschichten« erfunden habe:

Frauen zu porträtieren, die etwas ›vertragen‹, die das Leben abkönnen, die sich dem Leben stellen, die mutig sind und unvernünftig, die sich für ihre Lebenszeit verantwortlich fühlen und für nichts anderes. Das ›Plankton des Lebens‹ erspürst du nur, wenn deine Sinnesorgane offen sind, und es war Truman Capote – ja, ein Mann –, der sagte: »Die Wahrheit ist zu interessant, um sie zu ignorieren.« Ob Doris Dörrie oder Barbara Schöneberger, ob Ina Müller oder ob Elke Heidenreich … Sie alle betrachten ihr Leben als Naturschutzgebiet. »Frauen kommunizieren über Beziehungen, Männer über Status«, sagt die Psychologin Eva Wlodarek, die ebenfalls Gast bei mir war.

Als Gastgeber einer Talkshow habe ich schon lange den Eindruck, dass Frauen im Alter eher anarchisch werden, Männer eher bedeutungsschwanger. Was bleibt von der Person ohne die Funktion? Eine Frage, der sich Frauen mit Vergnügen, Männer mit Sorge stellen. Frauen brechen auf, wenn das Leben die Verabredung nicht einhält, Männer ein. Hätte Mutter Erde ein Weltkulturerbe zu vergeben, dann wären es die Frauen. Während die Männer häufig nichts anderes tun, als einer Bonsai-Existenz hinterher zulaufen, um dann am Lebensende die Niederlagen zu bejammern, sehen Frauen zu, dass stattdessen die Versäumnisse nicht überhand nehmen. Es gibt nämlich keinen Grund, dass der Schuster bei seinen Leisten zu bleiben hat. Und es missfällt nur denen, dass der Esel, wenn es ihm gut geht, aufs Eis geht, die Angst haben, das heimische Sofa zu verlassen, weil draußen bisweilen ein  kalter Wind (übers Eis) pfeift.

Über meinen Frauengeschichten steht ein Satz wie eine Überschrift, fast wie ein Dogma. Der Satz stammt von Barbara Schöneberger, beiläufig geäußert, aber man kann ihm nicht entgehen:

»Ich empfehle zu leben.«

Meine Frauen werden nicht in Würde alt, sie bleiben in Würde jung. Petula Clark sagte kürzlich in einem Interview: »Ich bin total offen für das, was noch kommt. Unter einer Bedingung: Es muss Spaß machen.« Das Leben als Labor, als ein ständiger Versuch. Es gibt keine Generalprobe, die Vorstellung läuft bereits. Und gibt es ein besseres Lebensziel als das von Meike Winnemuth: »Ich möchte eines Tages eine glückliche Leiche sein.«? Freuen Sie sich also auf Geschichten vom Leben…

Und wenn dieses Buch auch als eine respektvolle Verbeugung in Dankbarkeit vor Frauen verstanden wird, ist es dem Autor recht.

Hubertus Meyer-Burckhardt

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