Matthias Lohre –
Das Erbe der Kriegsenkel

Die Elterngeneration krempelte die Ärmel auf, um die äußeren Trümmer zu beseitigen. Die seelischen Trümmer zu beseitigen – das ist Aufgabe der Enkel.

»Die Geschichte, wie ich meine verstorbenen Eltern suche, wäre nur für mich interessant, ginge es dabei allein um einen Postbeamten, eine Verkäuferin und ihr jüngstes Kind. Aber was ich zu erzählen habe, steckt voller Parallelen zu Millionen Beziehungen zwischen alten Eltern und ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern. Zwischen über 70 Jahre alten Männern und Frauen und ihrem größtenteils zwischen 1955 und 1975 geborenen Nachwuchs. Zwischen Kriegskindern und Kriegsenkeln.

Während die ›große‹ Geschichte Deutschlands im 20. Jh. gründlicher erforscht ist als jede andere Epoche, liegt die Historie der eigenen Vorfahren meistens verborgen hinter rätselhaften Anekdoten und beredtem Schweigen. Doch in Träumen, Ängsten und Zwängen drängt etwas, das über Jahrzehnte verschwiegen worden ist, danach, endlich zur Sprache zu kommen. Hören wir zu.«

Matthias Lohre

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Leseprobe

Die letzte Reise meines Vaters dauerte 26 Stunden, und sie endete auf der A2 nahe Herford unter einer blauen Plastikplane. Begonnen hatte sie hundertvierzig Kilometer entfernt, als mein Vater an einem Dienstagmittag in die Hosentasche griff, wo er schon immer den Autoschlüssel aufbewahrte. Dann schloss er die Fahrertür seines kleinen Peugeots auf, stieg ein und rollte vom Hof des Seniorenheims, in dem er seit wenigen Monaten lebte. Er fuhr über Landstraßen und Autobahnen, die er lange nicht befahren hatte. Dabei wurde er doch immer so nervös, wenn Unvorhergesehenes geschah. Und jetzt – alt, mager und leicht zu verwirren – konnte er Überraschungen weniger denn je gebrauchen. Trotzdem schaffte mein Vater es irgendwie bis zu einer Autobahnraststätte und hielt an. Am Mittwoch um 17:18 Uhr, Feierabendverkehr, Herbstwetter, es war schon dunkel, startete er wieder seinen Wagen und lenkte ihn auf die Auffahrt. Nach 70 Metern auf dem Beschleunigungsstreifen riss er das Steuer herum und fuhr in entgegengesetzter Richtung auf der linken Spur. Vielleicht sah er noch die Scheinwerfer des weißen Volvos, die rasend schnell näher kamen, blendende Lichter in der Dunkelheit, bevor er frontal mit ihm zusammenprallte.

Wo verbrachte mein Vater seine letzten 26 Stunden? Solange ich lebe, buchte er kein Hotelzimmer. Schlief, aß, trank er, den Routineabweichungen immer nervös gemacht haben, in dieser Zeit überhaupt? Wohin wollte er? Und warum riss er, der stolz gewesen war, noch nie einen Unfall verursacht zu haben, an diesem trüben Novembertag des Jahres 2012 auf der Autobahn seinen Wagen herum? Hatte er geahnt, dass Gedächtnislücken und Verwirrtheit sich nicht mehr allein durch Arznei­nebenwirkungen und zu wenig Wassertrinken erklären ließen? Hatte er gespürt, dass seine Aussetzer etwas Schlimmeres, etwas Endgültiges ankündigten? Wollte er sterben, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach meiner Mutter? Und nahm er dafür den Tod anderer Menschen in Kauf? Ich wusste es nicht. Aber was wusste ich, als sie noch lebten, schon über meine Eltern?

Als ich den Anruf erhalte, der die Todesnachricht bringt, ist es Nacht. Danach lege ich das Handy beiseite, gehe aus dem Schlaf- ins Wohnzimmer und greife nach dem Tablet. Das Display leuchtet im Dunkeln, ich mache kein Licht. Vielleicht in der Hoffnung, mich verstecken zu können. Vor dem Schock, der Scham und mir selbst. Vor der Nachricht aber kann ich mich nicht verbergen. Wenige Stunden nach seinem Tod gibt es schon Agenturmeldungen über den Geisterfahrer, mehrere Medien verbreiten sie auf ihren Internetseiten:

Der 81-Jährige starb noch an der Unglücksstelle. Der 43-jährige Fahrer des anderen Wagens musste mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Warum der 81-Jährige in die falsche Richtung auf die Autobahn fuhr, war zunächst unklar.

Über und neben dem Artikel leuchten Reklamebanner. Lächelnde Menschen werben vor sattem Grün für Lebensversicherungen. Zwei Leser bewerten die Panorama-Meldung mit vier von fünf Sternen. Sogar Fotos vom grell beschienenen Unfallort gibt es schon, zum Anklicken und Vergrößern. Feuerwehrleute in Schutzanzügen, schweres Gerät, Scheinwerfer. Der frontal zusammengequetschte blaue Kleinwagen meines Vaters liegt an der Leitplanke wie ein erschöpfter Boxer in den Seilen. Ein Foto zeigt neben dem Wrack eine blaue Plastikplane. Erst nach ein paar Sekunden begreife ich, dass sie nicht Teil des Autos ist. Sondern ein Beutel. Darin liegt mein Vater.

Welche schweren Verletzungen hat der 43-Jährige, in dessen Wagen er gerast ist? Ich suche im Internet nach weiteren Artikeln. In einem ist von erheblichen Verletzungen die Rede. Sind erhebliche schlimmer als schwere? Was, wenn der Unbekannte stirbt? Dann, sagt etwas in mir, hast du nicht genug getan; du hast nicht genügt; dann hast du endgültig versagt.

Tausende Agenturmeldungen wie diese habe ich als Journalist über die Jahre gelesen. Ihre Klarheit hat mir gefallen. Keine unangebrachten Emotionen, keine unbelegten Behauptungen, nur Tatsachen: Wer hat was wann wo wie warum getan? Jetzt lese ich, fünfhundert Kilometer vom Unfallort entfernt, die nüchternen Tatsachen. Sie sollen erklären, wie mein Vater wenige Stunden zuvor gestorben ist – und ich begreife nichts. Die Wirklichkeit verbirgt sich hinter den Fakten.

Seit dem frühen Nachmittag habe ich mich gefragt, wo mein Vater stecken mag. Da habe ich eine neue Mail des Seniorenheims gelesen, in dem mein Vater seit wenigen Monaten lebte: Am Vortag habe mein Vater das Gelände verlassen und sei seither nicht zurückgekommen. Was sollten sie jetzt tun? Eilig habe ich mit allen Menschen telefoniert, zu denen mein Vater gefahren sein könnte. Es sind nicht viele. Die Polizei wurde alarmiert. Danach konnte ich nur warten. Ich habe mir vorgestellt, wie mein Vater zur selben Zeit am Rande einer Landstraße in seinem Auto sitzt, schimpfend auf den leeren Tank, das Auto und die Welt. Dann klingelte das Telefon. […]

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Matthias Lohre im Interview

Was das Schweigen der Eltern mit uns macht

Über Matthias Lohre

Michael Winterhoff

Matthias Lohre, geboren 1976, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin, berichtet über Politik aus der Hauptstadt und den Bundesländern. Er studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Anglo-Amerikanische Geschichte und Anglistik an der Universität Köln. Nach Abschluss des Studiums absolvierte er seine Redakteursausbildung bis 2003 an der Berliner Journalisten-Schule (BJS). Im Anschluss gründete er mit Freunden das Journalistenbüro Freie Redaktion in Berlin, arbeitete für mehrere Fernsehsender, Zeitungen und Magazine. Bis Mitte 2014 war er über neun Jahre lang Redakteur der taz, zuletzt als Politischer Reporter. In der Zeitung erschien fünf Jahre lang regelmäßig seine Kolumne. Heute ist er unter anderem für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE tätig.

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