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Michael Schacht: 100 Tage. Das Sterben meines Vaters

Michael Schacht: »Das Schreiben ist eine Art Therapie«

»›Ihrem Vater bleiben noch 100 Tage. Rechnen Sie damit, dass er den Sommer nicht mehr erleben wird.‹ Zwei Sätze, die sitzen. Zack – da ist sie, die Realität. Der Tod, er klopft nicht an die Gartenpforte, er hat bereits die Haustür eingetreten.«

Michael Schacht versucht in seinem Buch, den zu erwartenden Tod des Vaters zu begreifen, sich ihm in den verbleibenden 100 Tagen wieder anzunähern und die restliche Zeit wie einen »Countdown des Lebens« bewusst zu gestalten und zu genießen. Sehr emotional erzählt er von Versöhnung und Verständnis, von Angst und Hoffnung, von Anteilnahme und Loslassen.  Er gewährt Einblicke in seine Seele und die Verwicklungen, die in seiner Familie bestehen und die er nun mehr und mehr zu verstehen sucht. Im Interview mit Michael Schacht, Autor von „100 Tage. Das Sterben meines Vaters“ möchten wir zur Entstehung des Buches mehr wissen:

Lieber Herr Schacht,
Sie haben das Sterben ihres Vaters begleitet und dabei Tagebuch geführt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Michael Schacht (c) Frank ZauritzMichael Schacht: „Zunächst sah es so aus, als sei der Krebs meines Vaters behandelbar oder zumindest nicht lebensbedrohlich. Die Ärzte sagten zu ihm: ,Sie können froh sein, Ihr Krebs ist ein LKW, kein Porsche. Also träge und langsam.’ Das stellte sich als fataler Fehler heraus, so dass ich damit konfrontiert wurde, dass mein Vater vermutlich nur noch 100 Tage zu leben habe. Ab diesem Zeitpunkt habe ich geschrieben, was jeden Tag mit ihm, mit uns passiert. Meistens sogar direkt ins Handy. Die in gewisser Weise journalistische Aufarbeitung unserer Geschichte hat mir eine gewisse Stabilität gegeben, nicht die Nerven zu verlieren. Meine Hoffnung war, dass mein Vater, wenn ich von 100 Tagen in Richtung 0 zähle, am Ende noch lebt und wir wieder aufwärts zählen können – plus 1, plus 2, plus 3, als Symbol für gewonnene Zeit. Das hat mein Vater leider nicht geschafft, er ist nach 70 Tagen gestorben. Erst nach seinem Tod bin ich auf die Idee gekommen, aus den Notizen vielleicht ein Buch zu machen.“

Gab es einmal einen Punkt, an dem Sie unsicher waren, ob Sie das Tagebuch wirklich „bis zum Schluss“ führen werden?

Michael Schacht: „Nein, diesen Punkt gab es nicht. Auch, wenn es merkwürdig klingt: Unsere Beziehung zueinander wurde mit dem nahenden Ende immer intensiver. Ich wusste also instinktiv, dass ich den Tod nicht ausblenden kann, wenn ich die Geschichte ernsthaft erzählen will.“

Sie geben mit Ihrem Tagebuch vielen Menschen und vielen Trauernden Einblick in den Prozess des Abschiednehmens von einem lieben Menschen. Cover Michael Schacht. 100 Tage. Das Sterben meines VatersWas hat Sie dazu bewegt, Ihr Tagebuch zu veröffentlichen?

Michael Schacht: „Ich denke, für viele Menschen, die schreiben, ist ihr Tagebuch eine Art Therapie. Sicherlich also auch für mich. Das Schreiben hat mir geholfen, die Dinge klarer zu sehen. Oder sie auch ganz neu zu erkennen oder zu durchdenken. Ich wollte aber auch die Erfahrung teilen, dass ein Hospiz kein schrecklicher Ort ist. Und dass der Tod, so schmerzhaft er natürlich ist, auch positive Aspekte haben kann. Das Sterben meines Vaters hat uns so nahe zueinander geführt, wie vielleicht niemals zuvor. Das ist auf den ersten Blick traurig. Aber es war auch eine schöne Erfahrung.“

Wie geht es Ihnen nun knapp zwei Jahre nach dem Tod Ihres Vaters?

Michael Schacht: „Es geht mir gut. Aber es ist seither kein Tag vergangen, an dem ich nicht an meinen Vater gedacht habe. Manchmal spreche ich mit ihm. Die erste Zeit nach seinem Tod war ich noch wie in einem Tunnel. Das Leben geht ja weiter. Die wirklichen Auswirkungen, den Verlust, die Unumkehrbarkeit habe ich erst ein dreiviertel Jahr später gemerkt. Die Arbeit an dem Buch hat diese Gefühle sicherlich noch einmal verstärkt. Ich kann heute sagen, dass ich mich mit meinem Vater noch nie so stark auseinandergesetzt habe, wie nach seinem Tod. Es ist schade, dass ich das nun ohne ihn machen muss, aber ich mache es – und das ist womöglich unser ganz persönliches Happy End. Er ist immer bei mir. Und das ist ein schönes Gefühl.“

Was hat sich in Ihrem Leben seit dem Tod Ihres Vaters verändert?

Michael Schacht: „Die Antwort auf diese Frage ist einfach: alles. Denn – in meinem bisherigen Leben gab es meinen Vater, in meinem jetzigen Leben gibt es ihn nicht mehr. Sich daran zu gewöhnen ist ein längerer Prozess, der vermutlich noch nicht abgeschlossen ist.“

Lieber Herr Schacht, vielen Dank für das Interview!

Lesen Sie mehr zum Buch in der Read-’n‘-go-Leseprobe!

Zur Leseprobe von Michael Schacht: 100 Tage

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