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Schäfer Vergessen

Reichspogromnacht 1938 – Erinnert euch!


Stolpersteine


Ich gehe über euch.
Ich sehe euch.
Ich lese eure Namen.

Ihr liegt zu unseren Füßen. Wurdet einbetoniert in unsere Laufwege. Messingsteine auf den Bürgersteigen. Stolpersteine.

In meiner Straße. In der Straße nebenan. Im gesamten Netzwerk aller Straßen unserer Innenstadt. In meiner Stadt. In der Nachbarstadt. In der Stadt neben der Nachbarstadt. Der nächsten und übernächsten weiter entfernten Stadt. An 1.099 Orten kann man mit offenen Augen stolpern. In zwanzig Ländern Europas wird an die Deportation mit dieser stillen Geste erinnert. Steine, die mich anhalten lassen. Die mich zum Nachdenken bringen. Unsere Lebensnetzwerke sind miteinander verwoben. Damals und heute. Eure Namen auf den Steinen gehören zur Generation meiner Großeltern. Eure Namen stehen für Kinder im Alter meiner Eltern. In euren Wohnungen leben heute auch wieder Familien. Jüdische. Christliche. Muslimische. Atheistische. Sie leben, so wie ihr gelebt habt. Mit Geburtstagskuchen, geblümter Bettwäsche, den Alltagssorgen und dem Zähneputzen. Die Spuren eures ausgelöschten Lebens sind die Steine. Ihr hattet auch Alltag, bevor ihr abgeholt und ausgegrenzt wurdet. Wie kann man nicht stolpern über den Gedenkstein?

Wie kann man nicht kurz stehenbleiben im Tagesallerlei? Und weil Nachbarn in meiner Straße oder in der Straße nebenan weggeguckt haben, seid ihr jetzt weg. Es ist endgültig. Wie das Messing, das in der Sonne glänzt und nie zu schmelzen scheint, kommt ihr nie mehr in eure Wohnungen zurück. Nie wieder werden Briefe zu euren Händen, an eure Adressen geschickt. Nie wieder werdet ihr Abschiedsküsse geben, oder an euren Haustüren Gäste empfangen. Euer altes Leben habt ihr nie wieder betreten.

Endlösung – Auslöschung allen Lebens.

Immer, wenn ich einen Stolperstein sehe, fühle ich mich den Toten verbunden. Hier und heute. Ihr seid mit euren Namen in meinem Jetzt. Ich sehe viele Stolpersteine. Ich halte inne, bremse meinen Lebensalltag aus und verweile für einen Moment vor dem Ort, an dem Juden freiwillig und in ihrem letzten selbstgewählten Zuhause gelebt haben. Mit HIER WOHNTE … beginnt mein Gedenken im Text des Stolpersteins.

Ein Name. Ein Ort. Ein Mensch.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seiner sensiblen Arbeit an die Opfer der NS-Zeit. »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«, zitiert er den Talmud.

Es regnet und schneit auf euch. Die Sonne erhitzt eure Steine. Kinderfüße, Räder und Hundepfoten berühren den eingravierten Todesort. Eure Namen, das Lager und das Jahr eurer Deportation stehen darauf. Mahnen uns. Erinnern uns an eure Tränen, die Gewalt, die euch angetan wurde. Das Herauszerren aus euren eigenen vier Wänden. Damit wir nicht vergessen. Damit jede neue Generation nachfragt: Was bedeutet das?

Wir sehen euch und leben weiter. Ihr begleitet meinen Alltag in meiner Stadt. Seid Erinnerungsschatten.

Wehren wir den Anfängen, oder sind wir schon längst wieder darüber hinaus? Mahnen uns eure Namen, oder werden wir nachlässig? Wo schauen wir heute weg? Wo machen wir ähnliche Fehler wie unsere Großeltern? Die jüdischen Schulen und Einrichtungen tragen noch immer das Schutzschild des Sicherheitsglases und das Kleid des Polizeischutzes.

Ich beuge mich über euch, verdrehe den Kopf und lese eure Namen. Gehe nach Hause. Mit euch im Gepäck besteige ich die Stufen meines Altbaus. Ich nehme euch mit, in eure Wohnhäuser zu Freunden und zu uns. Gemeinsam steigen wir die Stufen hinauf. Ich sitze am Küchentisch und weine. Mein ältester Sohn kommt herein und fragt mich: »Was ist los, Mama?« Er nimmt mich in den Arm.

Die Tränen laufen und ich weiß nicht, wie ich sie stoppen soll. Ich weiß so wenig, dass ich gar nichts mehr weiß. Ich weiß nichts über den Hass. Ich weiß nichts über das Erinnern. Und noch weniger über die Menschen. Ich halte ihn fest und überschütte ihn mit Küssen.

Aus: Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva. Über Leben nach Auschwitz

Meine Nachmittage mit Eva. Überleben nach Auschwitz. von Bärbel Schäfer

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