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Schlichtweg lesenswert!
Kirchenkabarettist Matthias Schlicht in seinem Element

»Wenn das reale Leben und der christliche Glaube zusammen kommen, dann sprühen die Funken. In unreligiöser Sprache entdecken Menschen christliche Antworten für Fragen ihres Lebens. In ihren eigenen modernen Worten finden sich die alten Worte des Glaubens wieder. Ganz neu, ganz frisch, ganz unverbraucht und gerade deshalb: lebensfähig. Glaubwürdig. Und wenn doch einmal fromme Worte benutzt werden, hat das oft einen ganz und gar anderen Grund.«

Sein Beruf ist Pfarrer, seine Kernkompetenz Humor, sein Lieblingsthema der Mensch und seine Geschicke. In seinem Buch befasst sich Matthias Schlicht mit den großen alten Worten aus der christlichen Tradition: Ostern, Pfingsten und Weihnachten, Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung und vielen weiteren kirchlichen Begriffen.

Der erfolgreiche Kirchenkabarettist nimmt uns mit auf eine humorvolle Reise durch seinen Pfarrer-Alltag, in dem er 25 Jahre lang Kurioses, Befremdliches und Lustiges, vor allem aber viel Menschliches erlebt hat. Gerne geben wir hier eine Kostprobe. Das Kapitel: TRAUUNG oder RINGE NICHT VERGESSEN!

Es war seine Abschiedsrede im Kreise der Pastorenkollegen.
Der alte Pfarrer zog eine Woche vor dem Ruhestand seine Bilanz. Er begann mit den Worten: »Lieber fünf Beerdigungen als eine Trauung!« Das ist endlich einmal eine Ansage. Die Begründung folgte sogleich: »Die Paare verbinden mit der kirchlichen Trauung doch gar nichts Christliches mehr. Für die ist das reine Show nach amerikanischem Vorbild. Am besten mit Brautübergabe, die seit ›Dallas‹ und ›Denver-Clan‹ in Deutschland wieder beliebt geworden ist. Davor haben die emanzipierten Frauen niemals daran gedacht, sich vom alten Vater an den jungen Ehemann übergeben zu lassen wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. Alles um der Show willen. Von wegen Glaube. Viel wichtiger ist ihnen, ob auch gefilmt werden darf. Und wo der Fotograf stehen soll. Und wann der Dudelsackspieler seinen Auftritt haben kann. Und ob die Blumenmädchen die Rosenblätter auf den Teppich streuen dürfen? Als Pastor bin ich nicht mehr als eine lebendige Zierpappel. Ein pastorales Modell, das zum Bild eben dazugehören muss.«
»Donnerwetter«, dachte ich. Da redet sich jemand mal den ganzen Pastorenfrust von der Seele. Ein bisschen konnte ich ihn sogar verstehen. Es gibt schon sehr abstruse Ideen, für die sich um die Brautleute beim Traugespräch alles dreht. Die Oma soll »Ave Maria« singen, weil sie bei Anneliese Rothenberger studiert hat. Sie sang dann tatsächlich, aber so schräg, dass Florence Foster Jenkins ihre Freude daran gehabt hätte. Das Studium bestand darin, dass die Oma zu Hause Annelieses Schallplatten laut mitgesungen hat. Oder ich denke an die Braut, die – als der Bräutigam beim Gespräch nach draußen ging – mir anvertraute, sie käme als Kleopatra zur Kirche. In der Tat: Sie sah aus wie die ägyptische Königin aus dem betreffenden Asterix-Heft. Mit goldener Kobra-Spange im Haar. Leider war das knöchellange blaue Wildseidenkleid so eng geschnitten, das sie nur in ganz kleinen Schrittchen zum Altar trippeln konnte. Und der geplante Kniefall für den Segen musste aus Gründen drohenden Stoffzerreißens am Popo leider ausfallen. Unvergesslich ist für mich auch die Trauung, bei der ich für das Brautpaar nach dem Gottesdienst die Kirchentür öffnete – und vor mir stand: ein kleiner Elefant. Eine echter. Mit Rosenstrauß im Rüssel! Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Zum Glück aber nicht der Elefant. Des Rätsels Lösung: Elefanten waren das Lieblingstier des Brautpaares. Sogar auf der Einladung zur Hochzeit waren zwei rüsselverschlungene Dickhäuter zu sehen. Da hat die Brautgesellschaft zusammengelegt und einen kleinen Dumbo von Hagenbecks Tierpark per Tieflader anrollen lassen. Für schlappe 3000 Euro. Immerhin blieb noch Geld für die selbstgewählte Kollekte zu Gunsten des Kinderhospizes in Höhe von 9,80 Euro übrig.
Der Tag der Trauung ist eben der schönste Tag im Leben. Die boomenden Hochzeitsmessen beweisen es nur allzu deutlich. Aber ist das alles »nur« Show? Ich entdecke da noch etwas anderes. Ein früherer Kollege erzählte mir, er würde die Paare immer zu sich in das Pfarrhaus zum Kaffee einladen. Dort stelle er ihnen immer zu Beginn die eine Frage: »Warum wollen Sie sich kirchlich trauen lassen? Das Standesamt reicht ja schon.« Die Antworten, so meinte er, seien durchweg enttäuschend. »Entweder sagen die gar nichts oder: ›Weil das dazugehört‹.« »Neulich sagte doch glatt eine Braut zu mir: »Weil das schön ist.« Da sagte ich: »Das reicht mir nicht als Begründung!« Als der Kollege mir das erzählte, fühlte ich einen regelrechten Stich im Herzen. Meine Eltern hätten auch nichts anderes sagen können. Welche Antwort hätte denn dem Kollegen gereicht? Etwa: Wir wollen in den heiligen Bund der Ehe unter dem Segen Gottes gehen, der uns von nun an – bis der Tod uns scheidet – begleiten möge. Wer sagt denn so etwas? Wer kennt denn diese Theologensätze?
Ich finde, die Begründung »Weil das schön ist« reicht vollkommen aus. Damit ist doch alles gesagt. Gäbe es keine kirchliche Trauung, dann wäre die Hochzeit einfach nicht »schön«. »Schön« ist sie nur mit der Kirche, vor dem Altar und den Kerzen, mit den Liedern und Gebeten, mit dem Ringwechsel vor dem Pastor im Talar, mit dem Segen unter Handauflegung. Dass das alles dazugehört, weiß jeder, der eine Trauung mit angesehen hat. Und so ist das eben »schön«. Vielleicht hätte man früher statt »schön« das Wort »heilig« verwendet.
»Ohne Kirche ist das keine richtige Trauung«, sagte die Braut zu mir. Meine Traugespräche führe ich immer gerne bei den Brautleuten in ihrer Wohnung. Denn eine Wohnung sagt mehr als tausend Worte. Auf den Schränken und Regalen, in den Bücher- und Spirituosenborden erkennt man die Vorlieben der beiden Verliebten sehr deutlich. Da treffen Diddelmäuse auf FC St. Pauli-Andenken; Parfümsammlungen (beginnend mit My Melody) stehen neben Single-Malt-Miniflaschen; Urlaubsfotos hängen neben Aquarellen aus dem Volkshochschulkurs. Und in der Mitte des Wohnzimmers: das Brautpaar. Mit dem Paar, bei dem für die Braut die Kirche zur Trauung einfach dazugehört, habe ich den Ablauf durchgesprochen. Sie wollten keine Brautübergabe durch den Papa, sondern wünschten sich ein Spalier der Gäste vor der Kirchentür, durch das sie dann als Hochzeitsleute schreiten. Unsere Gesprächsatmosphäre war fröhlich bis zu dem Moment, an dem ich einen fatalen Satz aussprach. Ich meinte es lustig, als ich am Ende zum Bräutigam sagte: » Dann vergessen Sie mal die Ringe nicht.« Augenblicklich war die Stimmung gestorben. Es war eisig still. Wenn Blicke einer Braut töten könnten, wäre ich jetzt nicht mehr da. »Was meinen Sie damit?«, fragte sie tonlos. »Glauben Sie im Ernst, mein Mann würde die Ringe vergessen?« »Nein, nein«, sagte ich, »das war nur ein dummer Spruch von mir. Sorry.« Aber nix mit Sorry. »Ich dachte, Sie wären ein netter Pastor. Und nun so was. Ich bin wirklich enttäuscht von Ihnen!« Ich entschuldigte mich nochmals, jetzt ebenfalls ganz ernst. Manchmal kommt mir etwas über die Lippen, was andere – ohne meine Absicht – verletzen kann, aber dafür muss ich mich auch entschuldigen dürfen. Bei der Braut kamen die ersten Tränen. Dann erzählte sie, dass ihre Eltern ganz und gar gegen ihren künftigen Ehemann eingestellt seien. »Der ist unzuverlässig«, hätten sie gesagt. »Heirate den nicht.« Das hatte das Paar mir vorher im Gespräch natürlich nicht gesagt. Ich konnte die Braut nur mit dem Hinweis trösten, dass sich so manches Zusammensein mit den (Schwieger) Eltern und dem neuen Partner erst wie ein guter Wein mit der Zeit entwickeln kann.
Es kam der Tag der Trauung. Rechtzeitig erschienen die Hochzeitsgäste, um das Spalier vor der Kirchentür zu bilden. Dann fuhr der Mercedes mit Braut und Bräutigam vor. Feierlich und glücklich schritten sie durch die Mitte bis zur Tür, wo ich sie erwartete. Um nicht wieder von den Ringen zu reden, hielt ich nach der Begrüßung im Türbogen die silberne Ringschale dem Bräutigam hin. Und der fing an zu suchen. Und er suchte und suchte und suchte. Zum ersten Mal im Leben sah ich ein Paar gleichzeitig erbleichen. Er durchfummelte alle Hosen-, Westen- und Jackettaschen. Ich ahnte Arges und es kam noch ärger. Die Ringe waren nicht da. Die Hochzeitsgesellschaft hatte noch nichts gemerkt. Lächelnd (für die Gäste) steckte ich meinen Kopf zwischen die beiden und fragte leise: »Wo liegen sie?« »Ich glaube auf dem Schrank im Schlafzimmer«. »OK«, flüsterte ich (weiter lächelnd), »Hausschlüssel her!« Dann wandte ich mich an den neben mir stehenden Küster, drückte ihm den Hausschlüssel in die Hand, flüsterte ihm die Adresse zu mit dem Auftrag, die Ringe aus dem Schlafzimmer zu holen. Küster sind wunderbare Menschen. Die treusten Mitarbeiter der Kirche (Küsterinnen übrigens auch). Ich flüsterte (immer noch lächelnd) zum Brautpaar: »Alles wird gut; wir fangen jetzt erst mal an.« Und mit einem Stoßgebet meinerseits zogen wir ein. Das bleiche Paar nahm vorne Platz und ich gab mein Bestes … um den Gottesdienst so lange zu strecken, bis der Küster wieder da war. Wir haben gesungen bei jeder Gelegenheit und was das Zeug hält. Unser Organist hat sich zwar gewundert, aber alles wunderbar begleitet. Alle Strophen vom »Danke-Lied«, von »Lobe den Herren«. »Geh aus mein Herz und suche Freud« hat immerhin 15 Strophen. Ich war gewillt, sie notfalls alle singen zu lassen mit der Begründung: »Das hat noch keine Hochzeitsgemeinde gemacht.« Dann endlich nach der vierten Strophe erschien der Küster hinten in der Tür. Er reckte seinen Daumen hoch, legte (nur für mich sichtbar) die Ringe in ein Gesangbuch und brachte mir das nach vorne. Dass ich schon die ganze Zeit ein Gesangbuch in der Hand hatte, bemerkte zum Glück niemand. Nun waren die Ringe da. Das Brautpaar hat es sofort erkannt – und aus dem bleichen Teint wurde eine feierliche Röte. Die Gemeinde – vor allem die Eltern der Braut – hat nichts gemerkt. Gott sei Dank.
Einige Wochen nach der Trauung lud mich das Paar zu einem Abendessen ein. Sie zeigten mir die Hochzeitsfotos und bedankten sich noch einmal herzlich für die gelungene Ring-Rückholaktion. Wieder war es die Braut, die sagte: »Beim Segen, als wir die Ringe am Finger hatten und niemand es bemerkt hatte; als wir da knieten und Sie die Hände auf unsere Köpfe gelegt haben: Da habe ich wirklich etwas gespürt. So was wie Wärme und Schutz. Als wenn der große Gott uns wirklich in diesem Moment ansieht; und ich glaube, er hat sogar dabei gelacht.«

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