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Claudia Mönius: Feuer der Sehnsucht

Spiritualität einfach leben: Feuer der Sehnsucht

»Religion, entrümpelt um Machtanspruch und Manipulation, kann heilsam sein.« Claudia Mönius holt Gottes- und Glaubenserfahrungen aus der gesellschaftlichen Tabuzone und regt zum Austausch über spirituelle Erfahrungen an. Sie möchte ein Plädoyer für eine lebendige christliche Spiritualität halten, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist und aus diesem Verwurzeltsein heraus angstfrei und offen ist für ein liebevolles Umarmen von Menschen anderer Glaubensüberzeugung oder Weltanschauung. Im Interview durften wir die Autorin näher kennen lernen:

Welchen Leser / welche Leserin hatten Sie im Blick, als Sie Ihr Buch geschrieben haben?

Die Initialzündung zu dem Buch gab mir eine Freundin. Als ich sie in einer schwierigen Lebensphase vorsichtig fragte, ob sie denn beten könne, antwortete sie mir, sie wisse gar nicht, wie beten gehe. In dem Moment erkannte ich, über welch großen inneren Schatz ich selbst verfüge. So schrieb ich die ersten beiden Kapitel über spirituelle Wege und verschiedene Gebetsformen zunächst ganz persönlich für diese eine Frau. Als es dann nur so aus mir heraus sprudelte, merkte ich allmählich, dass ich an einem größeren Werk über meine spirituellen Erfahrungen und Zugänge schrieb. Erst im Lauf des Schreibens kamen mir allmählich all die Frauen und Männer in den Sinn, die eine tiefe Sehnsucht nach spiritueller Praxis und Gemeinschaft in sich spüren, aber gerade bei den christlichen Kirchen derzeit nicht das finden, was sie suchen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie zu Ihrer Spiritualität gefunden haben. Was war der Auslöser, dass Sie sich so intensiv auf die Suche begeben haben?

Ich selbst wuchs sehr christlich auf und mein Glaube war mir als Kind und Jugendliche ausgesprochen wichtig. In dem katholischen Umfeld, in dem ich groß wurde, erlebte ich viel Stärkendes, machte aber leider auch schlimme traumatische Erfahrungen. Auch von ihnen erzähle ich in meinem Buch, weil sich meine Biografie ohne diese Erlebnisse nicht verstehen lässt. Sie erklären, weshalb ich mich als junge Erwachsene nicht nur von der Institution Kirche komplett abwandte, sondern auch mit dem ganzen Thema Glaube und Religion nichts mehr zu tun haben wollte.
Als ich mit Mitte 30 in eine tiefe Depression rutschte, machte ich mich – auch mithilfe einer intensiven Psychotherapie – auf die Suche nach meinen Wurzeln. Dabei gelang mir nicht nur ein inneres Andocken an meine Herkunftsfamilie, sondern auch meine tiefen religiösen Bindungen erlebten eine heilsame Renaissance. Dieser Prozess erstreckte sich über Jahre, und mein „zweites spirituelles Leben“, wie ich es gern nenne, ist ungleich erwachsener und vielfältiger, als mein Kinderglaube es je war. Es mag seltsam klingen, ist aber wahr: So grauenvoll das jahrelange Dunkel der Depression war, so dankbar bin ich ihr doch für den intensiven inneren Weg, auf den sie mich letztlich führte.

Ist es möglich, Spiritualität auch im durchgetakteten Alltag zu leben?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Viele Menschen trennen Spiritualität streng von ihrem Alltag. Da sind auf der einen Seite Familie, Beruf, Freunde, Hobbies. Auf der anderen Seite steht ein spirituelles Leben, das sich oft im stillen Kämmerlein und getrennt von den anderen Lebensbereichen vollzieht. Ich kenne Erwachsene, die jeden Abend vor dem Einschlafen beten, aber nie jemandem davon erzählen würden. Wenn man das alles so streng auseinanderhält, wird in unserem wirklich eng getakteten Alltag die Zeit für spirituelle Praxis knapp. Deshalb empfehle ich, Spiritualität mehr wie den Unterfaden des Lebens zu verstehen und zu praktizieren: als etwas, das immer mitläuft und dem Lebensstoff, an dem wir Tag für Tag weben, festeren Halt gibt. Konkret heißt das: Lass in der U-Bahn das Handy mal in der Tasche und bitte stattdessen innerlich um Segen für dich, deine Mitreisenden und die, die dir sonst am Herzen liegen. Sing zusammen mit deinem Kind im Auto das „Danke für diesen guten Morgen“-Lied. Lass beim Joggen die Kopfhörer daheim und danke stattdessen innerlich für die schöne Natur, durch die du gerade läufst. Und schließlich: Prüfe, ob du nicht doch eine halbe Stunde pro Tag findest, die du deiner spirituellen Praxis widmen könntest. Das kann eine Morgenmeditation genauso sein wie ein kurzes Innehalten am Mittag oder eine Dankbarkeitsübung am Abend. Auch wenn wir meinen, keine Zeit übrig zu haben: Meist machen wir ja doch irgendeinen Blödsinn, den wir getrost lassen könnten, seien es ausufernde Internetrecherchen, der Megazeitfresser Fernsehen oder auch Dienste für andere, die wir auf den Prüfstand stellen und ggf. auch einmal ausschlagen können – zugunsten freiwerdender Zeit für unsere eigene Innerlichkeit.

Welchen Rat geben Sie Menschen, die Sehnsucht nach „Mehr“ haben?

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns zusammentun. Diese Sehnsucht nach dem „Mehr“, nach einer erfahrbaren Dimension jenseits aller Materie, kann in unserer materialistisch und auf Glitzer und Glamour ausgerichteten Gesellschaft dazu führen, dass wir uns sehr einsam fühlen. Es entsteht ein Gefühl von Andersartigkeit bis hin zur Sorge, irgendwie nicht richtig zu sein. Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einem tiefen Bedürfnis nach Spiritualität erlebe ich das oft. Kein Wunder in einer Zeit, in der die so genannten sozialen Medien geprägt sind von „Influencern“ und „Followern“, die sich und ihre Bedeutung an Luxus- und Markenartikeln festmachen. Da kann man sich als Jugendlicher, aber auch als Erwachsener schon sehr allein fühlen mit dem Bedürfnis nach spiritueller Tiefe und Anbindung. Nun ist das mit der Gemeinschaft allerdings auch nicht so leicht, denn gerade bei den großen christlichen Konfessionen suchen wir oft vergebens nach lebendigen Gemeinden und Communities, deren spirituelle Haltung von geistiger und geistlicher Weite geprägt ist. Deshalb mein Rat: Tut euch zusammen und lebt miteinander eure Sehnsucht nach dem „Mehr“ in Formen, in denen ihr euch wohl und lebendig fühlt. Bleibt nicht an alten Zöpfen hängen, die euch nichts mehr sagen; macht aber auch nicht den Fehler, Altes in Bausch und Bogen zu verurteilen. Miteinander neue Glaubenswege finden, die Bewährtes einbeziehen und von dort aus in die Weite führen, das scheint mir ein spannender und lohnender Weg zu sein.

Was war für Sie die intensivste Gotteserfahrung, die Sie bisher in Ihrem Leben hatten?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Gott schenkt sich mir immer wieder in ganz unterschiedlicher Weise, da würde es mir schwerfallen, ein „Ranking“ aufzustellen. Von einigen dieser Erfahrungen berichte ich in meinem Buch. Ein Erlebnis habe ich nicht geschildert, vielleicht weil es so schwer zu beschreiben und in Worte zu fassen ist. Es war eine meiner ersten intensiven Gotteserfahrungen auf diesem Weg der Meditation und Kontemplation, den ich mit etwa Mitte 30 einschlug. Ich nahm teil an einem Exerzitienkurs, das sind geistliche Übungen, bei denen man die Tage schweigend verbringt und viele Stunden meditiert. Die Meditationstechnik, die mir mein damaliger geistlicher Begleiter beigebracht hatte, war schlicht: Ich lege die Hände ineinander und lenke meinen Atem bei jedem Atemzug beständig in den kleinen Hohlraum, der sich bei dieser Haltung zwischen den Händen ergibt. Durch diese Fokussierung gelingt es leichter, den Strom der alltäglichen Gedanken zu unterbrechen und ganz im Hier und Jetzt präsent zu sein. Am letzten Tag dieses Kurses saß ich wieder in vertrauter Weise auf meinem Meditationshocker und atmete in meine Hände. Plötzlich hatte ich eine unerwartet intensive All-Einheitserfahrung: In dem kleinen Raum zwischen meinen Händen war es plötzlich zugleich kalt und warm sowie dunkel und hell. Ich selbst erfuhr mich losgelöst von Zeit und Raum. Diese völlige Auflösung jeglicher Dualität und das Verschwinden der Dimensionen, in die wir sonst eingespannt sind wie in ein Korsett, war eine so intensive Erfahrung, dass ich seither ohne jeden Zweifel weiß: Das, was wir mit unserem Tagesbewusstsein erleben, ist tatsächlich nur ein sehr begrenzter Ausschnitt der Wirklichkeit oder vielleicht auch nur eine Illusion. Das Eigentliche ist grenzenlos und übersteigt unsere menschliche Vorstellungskraft komplett. Biblisch ausgedrückt: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ (1 Kor 13) Dieses Erleben dauerte damals nur wenige Augenblicke, gefühlt war es die Ewigkeit. Bis heute empfinde ich diese Erfahrung als großes Geschenk: als eine Art Vorgeschmack auf das unendlich weite Bewusstsein, aus dem wir kommen und in das wir nach unserem Tod hoffentlich wieder eingehen werden.

Wir danken Ihnen für diese Einblicke!

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