Chris Paul
Trauerkaleidoskop

Trauern ist die Lösung, nicht das Problem.

Das Kaleidoskop des Trauerns

Chris Paul präsentiert in ihren beiden neuen Büchern einen ganz neuen Ansatz zur Bewältigung von Trauer. Ihr Kaleidoskop des Trauerns bietet die Möglichkeit, in lebensnahen, leicht verständlichen Bildern eine gemeinsame Sprache über die Trauer nach einem Tod zu finden.

Chris Paul: Ich lebe mit meiner Trauer
Chris Paul: Ich lebe mit meiner Trauer

Für Trauernde:

So schaffe ich es, mit meiner Trauer zu überleben

Trauerwege sind anstrengend, unvorhersehbar und ganz individuell. Doch auf allen Trauerwegen setzen sich Menschen mit intensiven Gefühlen auseinander: Schmerz, Sehnsucht und Ohnmacht, aber auch Dankbarkeit und Liebe. Die erfahrene Trauerbegleiterin Chris Paul bietet ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sich Trauernde auf ihren Trauerwegen erkennen können und zeigt viele unterschiedliche Reaktionen und Gestaltungsmöglichkeiten eines Trauerweges.

Chris Paul: Wir leben mit deiner Trauer

Für Angehörige und Freunde:

Den Umgang und das Zusammenleben mit Trauernden gestalten

Ein Mensch ist in Trauer: Was können Freunde und Angehörige tun? Wie können sie mit eigenen Ängsten und Unsicherheiten umgehen? Wo finden sie selbst Hilfe? Chris Paul zeigt Begleitenden, wie sie konkrete Unterstützung geben können. Sie zeichnet ein leicht verständliches Bild der wiederkehrenden Themen eines Trauerprozesses. So gelingt es, den gemeinsamen Alltag mit einem trauernden Freund oder Angehörigen geduldig und respektvoll zu gestalten.

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Das Trauerkaleidoskop

Start
Überleben
Wirklichkeit
Gefühle
Sich anpassen
Verbunden bleiben
Einordnen

Trauerwege sind anstrengend, unvorhersehbar und ganz individuell. Doch auf allen Trauerwegen setzen sich Menschen mit intensiven Gefühlen auseinander: Schmerz, Sehnsucht und Ohnmacht, aber auch Dankbarkeit und Liebe. Die Trauernden gestalten ihren veränderten Alltag neu, suchen Antworten auf das Warum? eines Todes und beschäftigen sich mit dem Sinn des eigenen Weiterlebens.
Chris Paul, eine der renommiertesten Trauerbegleiterinnen Deutschlands, präsentiert einen ganz neuen Ansatz: Ihr Kaleidoskop des Trauerns bietet ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sich Trauernde auf ihren Trauerwegen erkennen können. Sie zeigt viele unterschiedliche Reaktionen und Gestaltungsmöglichkeiten eines Trauerweges. Die möglichen Stolpersteine werden anschaulich beschrieben und ihre Bewältigung kann mit den vielen alltagstauglichen Ideen zur Unterstützung gelingen.

Überleben

Dieser Facette habe ich die Farbe Orange zugeordnet. Leuchtend und schrill wie eine Warnweste. Denn Überleben ist etwas anderes, als es sich gut gehen zu lassen. Überleben ist eine rohe, simple Angelegenheit. Man atmet weiter und übersteht den Tag und die Nacht und den nächsten Tag. Jeder von uns macht das anders. Alles Fühlen, Erinnern und Sprechen ist diesem Anliegen untergeordnet. Überleben hat Vorrang und Überleben ist immer wieder dran zum Kraftschöpfen und zum Ausruhen von den Anstrengungen der anderen Trauerfacetten. Hier eine unvollständige Liste der Möglichkeiten, die wir nutzen, um etwas Erschreckendes zu überstehen: Ablenken, laute Musik, Fernsehen, Alkohol, Internet. Sich in Arbeit stürzen. Alles so machen wie zuvor. Reden wie ein Wasserfall. Verstummen. Nähe suchen. Sich zurückziehen. Einschlafen. Innerlich abschalten. Ganz viel Sport. Raus in die Natur. An Schönes denken. Aggressiv werden. Beten oder Meditieren. Pflichtbewusst sein. Für andere da sein. Weglaufen. In der Vergangenheit leben. Die Vergangenheit abstreiten. Vieles von dem, was Ihnen an Ihrem eigenen Verhalten seltsam und unvernünftig erscheint, ist eine Überlebensstrategie. Das gilt auch für das Verhalten der Menschen um Sie herum.

Einordnen

Dieser Facette habe ich die Farbe Blau zugeordnet, Blau wie der Himmel über uns, der so selbstverständlich ist, dass wir ihn oft gar nicht mehr bemerken. Genauso wenig achten wir im Alltag auch darauf, welche Gedanken wir denken, und darum geht es hier. Trauerprozesse bringen nicht nur intensive Gefühle mit sich, sondern sie bewirken auch in unserem Gehirn Höchstleistungen! Jede Warum?-Frage, jede Suche nach neuem Lebenssinn ist eine Denkaufgabe. Trauernde versuchen einzuordnen und zu bewerten, was ihnen zugestoßen ist. Der Tod eines nahen Menschen und die eigene Reaktion darauf stellt alle bisherigen Grundüberzeugungen in Frage: Stimmt das so noch? Oder muss das jetzt alles noch mal neu interpretiert und geordnet werden? Bin ich das Glückskind, die starke Frau, der gute Mensch, für den ich mich immer gehalten habe? Ist die Welt wirklich gerecht? Habe ich mein Schicksal in der Hand, wie ich immer dachte? Heilt Liebe doch nicht alle Verletzungen und Krankheiten? Manchmal bestätigt ein Sterben frühere Erfahrungen und tiefe Ängste. Manchmal widerspricht es dem Optimismus, der bisher stets getragen hat. Die Neubewertung der Vergangenheit färbt den Blick auf die Gegenwart und hat dann auch Auswirkungen auf die Zukunft. Je düsterer und hoffnungsloser die Interpretation des eigenen Lebens in der Vergangenheit ausfällt, desto weniger Freude und Zufriedenheit sind für die Zukunft denkbar. Umgekehrt sind Vergangenheitsdeutungen, die Freude und Leid nebeneinanderstehen lassen können, ein guter Ausgangspunkt für wachsende Lebensfreude.

Sich anpassen

Dieser Facette habe ich die Farbe Grün zugeordnet, weil es um uns herum immer etwas Grünes gibt, und hier geht es um alles, was außerhalb der eigenen Gedanken stattfindet. Nach dem Tod eines nahen Menschen ändert sich das eigene Leben – manchmal bleibt keine Minute des Alltags, wie sie vorher war. An diese Veränderungen müssen Trauernde sich anpassen. Sie sind gezwungen neue Wege zu finden, mit sich selbst und dem Leben umzugehen. Diese Veränderungen betreffen das Zuhause und den Alltagsablauf. Sie betreffen auch die Rollen und Aufgaben, die man in einer Familie oder Partnerschaft übernimmt. Veränderungen, an die Trauernde sich anpassen müssen, betreffen auch die Reaktionen aller Menschen, denen man begegnet, z. B. in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis, in der Lerngruppe oder im Fitnessstudio. Man muss damit umgehen, dass manche Menschen nicht mehr grüßen und andere mit ungebetenen Ratschlägen reagieren. Es kostet Kraft, sich im veränderten Leben zurechtzufinden und neue Rollen und Verhaltensweisen auszuprobieren.

Wirklichkeit begreifen

Dieser Facette habe ich die Farbe Dunkelgrau zugeordnet, weil es sich so unerträglich dunkel und bedrückend anfühlen kann, wenn man begreift, dass ein geliebter Mensch wirklich tot ist. Es fällt schwer zu verstehen, dass jemand gestorben ist und was das eigentlich bedeutet. Die Möglichkeit, den Sterbenden und dann den Verstorbenen sehen und berühren zu können, hilft dabei. Dieses buchstäbliche Be-greifen am Sterbebett, bei einer Totenwache oder beim Abschiednehmen unterstützt die Realisierung des Todes. Darüber zu sprechen hilft auch dabei, die Wirklichkeit eines Sterbens zu verstehen. Jedes Mal, wenn klar benannt wird, dass jemand gestorben ist (nicht gegangen oder eingeschlafen), wird der Tod ein Stück wirklicher. Die Geschichte des Abschieds erzählen können, von anderen etwas dazu hören, sich austauschen und bestätigen, macht den Abschied wirklicher. Hilfreich beim Realisieren ist auch der Zugang zu den Informationen darüber, woran und wie jemand gestorben ist, so entsteht eine zusammenhängende begreifbare Geschichte. Sterben ist wirklich etwas anderes als Verreisen oder den Kontakt abbrechen. Es ist end-gültig, nicht zurück zu nehmen und für immer. Diese Wirklichkeit des Todes lernt man nur mit jedem Tag, der vergeht. Sterben ist auch deshalb anders als Verreisen, weil es Fragen nach dem Danach aufwirft. Seelenwanderung? Auferstehung? Schwarzes Loch? Wiedergeburt? Das sind Glaubensinhalte und Überzeugungen, aber sie fühlen sich ganz wirklich und wahrhaftig an und Menschen brauchen diese Vorstellungen für ihr Begreifen der Wirklichkeit eines Todes.

Gefühle

Dieser Facette habe ich ein kräftiges Rosa zugeordnet, weil die vielen unterschiedlichen Gefühle so intensiv und stark sind, aber auch zart und zärtlich sein können. Trauerprozesse enthalten eine Vielzahl von Gefühlen: Verzweiflung, Wut, Ohnmacht, Schmerz, Erleichterung, Angst, Neid, Dankbarkeit, Sehnsucht, Liebe und viele mehr. Alle diese verwirrenden überwältigenden Gefühle sind wichtig. Auch wenn sie anstrengend sind, die Konzentration für den Alltag rauben und einem selbst peinlich sind – sie helfen, den Verlust zu bewältigen. Jedes Gefühl braucht dafür auch einen Ausdruck, hier einige Beispiele: Traurigkeit, Verzweiflung und auch Sehnsucht können sich in Tränen einen Weg bahnen oder in Rückzug. Wut, Hilflosigkeit und Abwehr äußern sich in Geschrei und Streit oder in Schweigen und Abwendung. Sehnsucht findet z. B. in Grabbesuchen, Trauertagebüchern, dem Gestalten von Erinnerungskisten oder Fotobüchern ihren Ausdruck. Liebe und Dankbarkeit können sich in Erzählungen und Ritualen ausdrücken. Der Seelenschmerz drückt sich oft auch körperlich aus. Manchmal verwandelt sich der Seelenschmerz direkt in Körperschmerz – z. B. in Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Nicht nur das metaphorische Herz, sondern auch das physische Herz fühlt sich dann schwer an und stolpert. Der Seelenschmerz kann sich in Atemnot, Beklemmungen und starkem Frieren ausdrücken. Die inneren Kreisläufe sind oft so durcheinander wie die eigenen Gedanken und Gefühle – Schlafen und Essen finden dann nur mit Mühe in einen vertrauten Rhythmus zurück. Der Körperschmerz braucht den Ausdruck des Seelenschmerzes, um langfristig wieder in den Hintergrund zu treten!

Verbunden bleiben

Dieser Facette habe ich ein leuchtendes Gelb zugeordnet, weil die Verbundenheit mit dem Verstorbenen für viele Trauernde wie ein Sonnenstrahl ist. Menschliche Beziehungen zwischen Lebenden bestehen aus dem Bewusstsein innerer Verbundenheit, aber auch aus Blicken, Berührungen und gemeinsamen Aktivitäten. Nach dem Tod eines Menschen muss man auf alle körpergebundenen Gemeinsamkeiten verzichten und sich mit gedachten und geahnten Bindungsfaktoren begnügen: Erinnerungen und Anekdoten ermöglichen ein Gefühl von Verbundenheit. Träume vom Verstorbenen und die Wahrnehmung von Zeichen schaffen ein Gefühl von innerer Verbindung. Manchmal ist es, als sei der Verstorbene auf eine nicht zu erklärende Weise immer präsent im eigenen Leben, unterstützend und freundlich. Manche empfinden die Verstorbenen wie gute Geister oder Schutzengel, die in entscheidenden Momenten spürbar werden und Rat geben. Verstorbene waren normale Menschen, die Licht- und Schattenseiten hatten. Auf der Suche nach innerer Verbundenheit über den Tod hinaus werden beide Seiten und alle Widersprüche auch einer Beziehung näher erinnert. Denn bedrückende und beängstigende Erfahrungen können ebenso innere Bindungen schaffen wie Beglückendes. In dieser Trauerfacette geht es um das Suchen nach dem, was bleiben soll und dem, was in den Hintergrund treten kann. Früher dachte man, Trauernde müssten sich komplett von den Verstorbenen lösen, um sich den Lebenden zuwenden zu können. Das gilt als überholt. Trauernde, die sich mit ihren Verstorbenen in positiver und stärkender Weise verbunden fühlen, sind offen für das Leben und die Menschen darin.

Leseprobe

Ein neuer Zugang, Trauerprozesse zu verstehen

Die Menschheit existiert schon einige zehntausend Jahre und von Anfang an mussten Menschen damit umgehen, dass Familienmitglieder und andere Vertraute um sie herum starben. So ist es bis heute – wussten Sie, dass allein in Deutschland pro Jahr mehr als 800.000 Menschen sterben? Heutzutage sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Altenheimen. Andere kommen bei einem Unfall ums Leben, bei einer Naturkatastrophe oder sie töten sich selbst. Die Nachricht von einem Tod fühlt sich oft an, als käme ein wildes Tier und würde den wichtigsten Menschen im eigenen Leben wegreißen. Eigentlich alle Menschen wissen beim Tod eines sehr vertrauten Menschen nicht, wie es weitergehen soll. Doch die menschliche Seele hat eine Art Programm entwickelt, um das eigene Weiterleben zu ermöglichen – das ist der Trauerprozess.

Er führt durch die Zeiten von einem Leben mit diesem Menschen, der gestorben ist, hin zu einem aushaltbaren Leben ohne ihn. Auch wenn Sie keine Ahnung haben, wie Sie den Schmerz und die Unsicherheiten nach einem Tod überstehen sollen – in Ihnen liegt die Fähigkeit, es zu tun. Vieles werden Sie automatisch richtig machen, wenn Sie auf sich selbst hören. Man geht davon aus, dass mindestens 80 Prozent aller Hinterbliebenen keine fachliche Unterstützung für ihren Trauerprozess benötigen. Sie brauchen ihre Freunde und Familien – jeder Mensch braucht andere Menschen, aber eben als Freunde und Verwandte, nicht als Trauerprofis. In diesem Buch erläutere ich die vielen Facetten eines Trauerprozesses. Ich möchte Sie anregen und ermutigen und dazu beitragen, dass Sie sich selbst besser verstehen. Und dass Sie die Menschen um sich herum ein bisschen besser verstehen.

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Trauerkaleidoskop

Interview

mit Chris Paul

Liebe Frau Paul, Sie sind eine ausgewiesene Trauer-Expertin und bilden selbst Trauerbegleiter aus. Bücher, die sich mit den Themen Trauer, Trauerbewältigung beschäftigen, gibt es ja bereits einige. Was ist das Besondere an Ihren neuen Büchern?

Es gibt mehrere Besonderheiten. Man sieht gleich, dass es zwei miteinander verbundene oder aufeinander bezogene Bücher sind. Sie richten sich aber an verschiedene Zielgruppen. Beide sind auf Basis des Kaleidoskop des Trauerns strukturiert und benutzen ähnliche Bilder und Begriffe. Ich habe sie tatsächlich nahezu gleichzeitig geschrieben, um die Verbindung so intensiv wie möglich zu gestalten. Es ist mir ein großes Anliegen, dass Trauende und ihre engen Freunde und Angehörigen eine gemeinsame Sprache über die Trauer nach einem Tod finden können. Die Unterstützung und das Verständnis im engsten Kreis sind eine der wichtigsten Ressourcen für Trauernde. Deshalb wollte ich mit einem einheitlichen Ansatz zwei Bücher machen, die Menschen auf dem Trauerweg und ihr nahes Umfeld miteinander ins Gespräch bringen können. Gleichzeitig gibt es auch Informationen und Hinweise, die jeweils nur in einem der beiden Bücher stehen. Es ist mir wichtig, dass auch die Freunde und Angehörigen in ihrer besonderen Situation bestärkt werden. Sie sollen ja nicht als professionelle Trauerbegleiter auftreten, sondern als Mitmenschen und Unterstützer. Dazu brauchen sie ihre eigenen Ressourcen und auch die Erlaubnis, sich abzugrenzen.

Die zweite Besonderheit sieht man schon im Inhaltsverzeichnis. Die Bücher haben neben dem Trauerkaleidoskop ein zweites Strukturelement und das ist die vergehende Zeit. Von den ersten Stunden bis zu den weiteren Trauerjahren werden die Besonderheiten verschiedener Zeiträume in der Trauer detailreich beschrieben. Trauerwege hören ja nicht einfach irgendwann auf, sondern sie begleiten viele Menschen ihr Leben lang. Ich zeige dabei nicht einen einzigen, sozusagen idealen Trauerweg, sondern ich erkläre, dass die einzelnen Facetten eines Trauerweges sich ständig neu mischen. Wie sie in den verschiedenen Zeitabschnitten gelebt werden können, das hängt von vielen Faktoren ab: das sind die bisherigen Lebenserfahrungen eines Menschen, das ist aber auch die aktuelle Situation, in der er lebt. Sogar das Geschlecht und das Alter beeinflussen die Art und Weise, wie ein Mensch die eigene Trauer erlebt und gestaltet. Deshalb ist jede Trauer einzigartig - und trotzdem sind alle Menschen in ihrer Trauer auf denselben Facetten unterwegs.

Die dritte Besonderheit ist natürlich das Kaleidoskop selbst. Die grafische Umsetzung ist sehr ansprechend geworden und eine große Hilfe dabei, sich auf dem oft überwältigenden Weg der Trauer zurechtzufinden. Man erkennt auf den ersten Blick, dass Trauer aus vielen Erfahrungen und Herausforderungen besteht. Die sechs Facetten des Kaleidoskop des Trauerns machen deutlich, dass es beim Trauern nicht nur um Gefühle geht. Trauer ist viel komplizierter und vielschichtiger und wenn man das so betrachtet, bekommt man sofort sehr viel Respekt vor all dem, was jemand nach dem Tod eines nahen Menschen bewältigen muss. Man kann versuchen, die Bücher auf einmal durchzulesen, aber wahrscheinlich wird man eher immer nur ein bestimmtes Kapitel lesen zu einer bestimmten Frage oder Erfahrung, die einen in diesem Moment bewegen. Durch die Beschreibungen und Anregungen versteht man, dass man gar nicht alles auf einmal bewältigen muss, sondern dass diese oder ähnliche Fragen wieder auftauchen werden - und dass das ganz normal ist! Die Trauerfacetten in ihren jeweiligen Zeitabschnitten haben es mir ermöglicht, viel verschiedene Einzelheiten zu benennen und Ideen für die Bewältigung aufzuschreiben. So können Trauernde ihren eigenen Prozess besser verstehen und gleichzeitig auch andere, wenn sie etwas lesen, das nicht auf sie selbst zutrifft, sondern für jemanden, der ihnen nahe steht. Das gilt natürlich genauso für das Buch, das sich an die Freunde und Familienangehörigen wendet. Sie können ihre vielen Fragen und Unsicherheiten Stück für Stück klären.

Was genau ist das Kaleidoskop des Trauerns? Warum haben Sie es entwickelt?

Das Kaleidoskop des Trauerns habe ich ursprünglich für meine Fortbildungen entwickelt. Ich konnte damit das eher trockene Thema Trauertheorien anschaulich vermitteln. Das Trauerkaleidoskop enthält die Ansätze und Erkenntnisse von verschiedenen bedeutenden Trauerforschern (William Worden mit seinen 4 Traueraufgaben, Dennis Klass und Roland Kachler mit der bahnbrechenden Erkenntnis über die Normalität von fortgesetzter Verbundenheit zu den Verstorbenen und Robert Neimeyers Ansatz der Sinngebung in und nach einer Lebenskrise). Ich selbst habe die Trauerfacette Überleben hinzugefügt, nachdem ich mich viel mit dem Thema Trauma beschäftigt hatte. Im Lauf der Jahre wurde meine Sicht auf die einzelnen Trauererfahrungen verschieden von der Definition der Autoren, die sie mir ursprünglich beigebracht hatten. So ist dieses Unterrichtswerkzeug immer mehr zu einem/meinem eigenständigen System geworden, Trauererfahrungen zu erklären.

Ich begann, es in Trauerseminaren und in der Einzelbegleitung einzusetzen und auch meine FortbildungsteilnehmerInnen erzählten begeistert, wie sie damit Gruppenstunden gestalteten. Zu Anfang war es einfach ein statisches Bild, doch dann schnitt ich die einzelnen Facetten aus und legte sie auseinander, unter- und übereinander. Plötzlich wurde sichtbar, dass sich die verschiedenen Erfahrungen einer Trauer ständig gegeneinander verschieben, wie die Glassteinchen in einem Kaleidoskop, mit dem man als Kind gespielt hat. Mal überdeckt eine Facette alle anderen, dann wieder ergänzen sie sich harmonisch. Diese Beweglichkeit entspricht meiner Sicht auf Trauerprozesse, sie sind Wege, lange und oft anstrengende Wege, in denen sich immer wieder etwas verändert. Die Facetten des Trauerkaleidoskops sind dabei fast das Gegenteil der bekannten Trauerphasen. Trauerfacetten sind keine Stufen, die man nacheinander abarbeitet. Vielmehr zeigen sie Themen und Herausforderungen, die sich gegenseitig beeinflussen und über lange Zeiträume immer wieder auftauchen. Man kann sich vorstellen, dass jeder einzelne Trauerweg seine eigene Wegführung über, durch und mit den Trauerfacetten findet, vielleicht eine Spirale, vielleicht ein Labyrinth, auf jeden Fall niemals ein gradliniger Weg, auf dem man nach einigen Wochen oder Monaten über die Ziellinie läuft und für immer fertig ist mit dem Trauern.

Wie kann mir Ihr Buch als Trauernde helfen?

Der Titel drückt genau aus, was ich vermitteln möchte: Ich lebe mit meiner Trauer. Ich ermutige Trauernde, nicht gegen die Trauer anzuleben, sie müssen sich meiner Ansicht nach nicht schämen oder verstecken. Und in meiner Sicht auf Trauer muss sie auch nicht zuende gehen. Trauer kann ein Teil des Lebens sein, ohne dieses Leben zu zerstören! Für manche hört sich das unmöglich an, aber in meinen zwanzig Jahren der Arbeit mit anderen Trauernden und auch auf meinen eigenen Trauerwegen habe ich so viele kleine Wunder erlebt, dass ich Trauer als einen veränderlichen und lebenszugewandten Prozess verstanden habe. Damit er das sein kann, braucht es jede Menge Unterstützung. Und heute finden viele Menschen Unterstützung in Büchern. Ich lebe mit meiner Trauer ist eine von vielen möglichen Formen der Trauerhilfe. Ich sehe das Buch als einen sehr detaillierten Reiseführer in viele Bereiche des Trauerweges. Trauernde finden sich an vielen Stellen in den Kapiteln und in den Berichten von Betroffenen wieder. Sie finden Worte für ihre Gefühle und Gedanken, das stärkt und tröstet. Die vielen möglichen Stolpersteine, die den Weg noch schwerer machen können, erkläre ich, denn Verstehen hilft, um sich selbst besser einzuschätzen und freundlicher mit sich selbst umzugehen. Darüber hinaus zeige ich eine Vielzahl von Trittsteinen als Anregung: das können Übungen sein, die man für sich allein macht oder Gesprächsmöglichkeiten mit anderen und auch fachliche Unterstützung. Da ich die einzelnen Trauerfacetten so gründlich beleuchte, sind immer wieder auch Trauerreaktionen beschrieben, die man nicht von sich selbst, aber von anderen kennt. Das ist eine große Unterstützung für Trauer in der Familie und im Freundeskreis, denn es hilft auch, andere zu verstehen. Eine der ersten Leserinnen sagte - das Buch ist wie eine Beratungsstunde nur für mich, die ich jederzeit aufsuchen kann. Eine andere meinte - das ist wirklich anders als andere Trauerbücher, so viele neue Ideen.

Wie kann mir Ihr Buch als Freund/Freundin von Trauernden helfen?

Menschen, die andere in einer Lebenskrise unterstützen, sind auf eine gewisse Art unsichtbar. Es gibt viele Fragen nach dem, der die Krise hat. Wenige fragen - wie geht es dir als Unterstützer denn damit? Für diese nahen Freunde und Angehörigen von Freunden wollte ich ein eigenes Selbsthilfebuch schreiben. Es sollte intimer und detaillierter sein als mein Buch Keine Angst vor fremden Tränen, das bereits viele Informationen und Tipps für den Umgang mit Trauerden gibt. Es war sehr interessant für mich, mich so intensiv mit der Situation der Mit-Menschen von Trauernden zu beschäftigen. Ihnen die einzelnen Trauerfacetten zu erklären und ihre ganz besondere Situation dabei in den Mittelpunkt zu stellen, hat mir tatsächlich noch mal neue Erkenntnisse über Trauer gebracht. Das Buch Wir leben mit deiner Trauer könnte an einigen Stellen auch Wir leben mit unserer Trauer heißen, denn es sind ja ganze Familien und Freundeskreise in Trauer. Die Rollen können da immer wieder wechseln, mal unterstützt die Tochter ihre verwitwete Mutter, dann wieder versucht die Mutter, für ihre Kinder da zu sein, deren Vater gestorben ist. Das ist ein komplizierter Balanceakt. Das Buch behandelt die Liebe und Verbundenheit mit dem trauernden Menschen in seiner Lebenskrise und macht manches Verhalten, das rätselhaft erscheint, verständlich. Es nimmt die Sorgen, der Trauernde könnte verrückt oder krank sein. Die privaten UnterstützerInnen können es benutzen, um sich gesehen und verstanden zu fühlen. Sie können damit ihre Erschöpfung besser einordnen und sich ermutigt fühlen, manche Grenzen zu setzen. Es ist das Buch für sie. Und das andere ist für den trauernden Menschen. So hat jeder einen eigenen geschriebenen Wegbegleiter. Das ist aus meiner Sicht wichtig für diesen mutigen aber auch anstrengenden Weg des gemeinsamen Weiterlebens.

Warum ist es wichtig und hilfreich, sich auf den Trauerprozess einzulassen?

Meiner Erfahrung nach wird immer ein Trauerprozess ausgelöst, wenn wir jemanden verlieren, der uns viel bedeutet hat. Das ist sozusagen ein automatisches Programm in uns. Dieses Programm besteht aus vielen einzelnen Sequenzen und Erfahrungen, die habe ich in den sechs Trauerfacetten benannt. Die sind für jeden einzelnen Menschen unterschiedlich wichtig oder unterschiedlich möglich. Wenn Menschen angeblich nicht trauern, sind sie meiner Meinung nach ganz intensiv mit der Trauerfacette Überleben beschäftigt. Ohne das eigene Überleben zu sichern, kann man sich den Anstrengungen eines Trauerweges gar nicht stellen, deshalb gibt es trauernde Menschen, die sich aus Angst vor dem Zusammenbrechen oder Verrücktwerden intensiv ablenken. Andere sind für das Überleben ihrer Kinder, einer Firma oder pflegebedürftiger Angehöriger verantwortlich. Das stellen sie in den Vordergrund, oft ohne das bewußt zu entscheiden, es passiert. Damit geraten die anderen Facetten des Trauerns in den Hintergrund - aus wichtigen Gründen. Aber auf Dauer lassen sich die übrigen Facetten nicht unterdrücken. Vor allem die Facette der Gefühle reagiert heftig, wenn sie nicht ausgedrückt werden kann. Der Seelen-Schmerz verwandelt sich dann in Körperschmerz und macht das Leben noch schwerer. Es gibt etliche Untersuchungen, die belegen, dass die dauerhafte Unterdrückung von Seelenschmerz den Körper krank machen kann. Auch auf der Facette des "Einordnens" kann etwas geschehen, was das Weiterleben einschränkt. Tiefe Verbitterung und anhaltende Hoffnungslosigkeit oder große Angst vor neuen Bindungen und dem Leben überhaupt können die gedankliche Antwort auf Schicksalsschläge sein. Deshalb ist es so wichtig, den Trauerweg nicht nur zu akzeptieren, denn er ist ohnehin da und braucht automatisch Kraft, das lässt sich auf Dauer nicht verhindern. Ich plädiere auch dafür, sich aktiv und bewusst mit den verschiedenen Facetten des Trauerns auseinanderzusetzen. Viele Menschen machen das sozusagen automatisch, die erkennen sich in dem Modell wieder, auch wenn sie keine Unterstützung brauchen. Aber am wichtigsten ist es für Menschen, die auf einzelnen Facetten lebensfeindliche Wege einschlagen oder schlicht nicht wissen, wie sie mit den Erfahrungen dort umgehen können. Die finden in den Büchern Erklärungen für das, was sie erleben und Anregungen, wie sie allein, mit ihren Freunden oder auch mithilfe von fachlichen Unterstützern ein Stück weitergehen können.

Es heißt immer, die Zeit heile alle Wunden – stimmt das wirklich?

Das ist eine der Spruchweisheiten, die Trauernde nicht leiden können. Ich habe erlebt, dass Menschen in Trauer das Vergehen der Zeit eher negativ wahrnehmen - da geht alles weiter, aber die innere Welt ist stehengeblieben. Nach Jahrzehnten sagen sie dann Trauer geht nie ganz vorbei! Das liegt daran, dass Trauer keine heilende Wunde ist, sondern ein vielfältiger Prozess, der das Leben begleitet. Trauer verändert sich dabei, das Kaleidoskop des Trauerns dreht sich immer wieder, wechselt die Farben und Muster. Für die meisten Menschen werden die Wechsel spätestens im dritten und vierten Trauerjahr langsamer, es kommt wieder mehr Stabilität in den Alltag und in die Gedanken. Auf der Facette der Gefühle sind Schmerz und Verzweiflung nicht mehr so stark im Vordergrund wie zu Beginn. Auf der Facette des Verbundenbleibens treten positive Erinnerungen in den Vordergrund und es gelingt oft, die Verbundenheit mit dem Verstorbenen neben die Verbundenheit mit den Lebenden zu setzen, so dass die beiden sich sogar gegenseitig bereichern.

Sie sprechen nicht nur von Trauer-, sondern auch von Krisenbewältigung und Ressourcenaktivierung – wie kann mir dafür der durchlebte Trauerprozess helfen?

Trauer zu durchleben, kann anstrengend wie ein Marathonlauf sein. Niemand schafft es, solche kräftezehrenden Wege zu gehen, ohne sich mit den eigenen Ressourcen zu verbinden. Ressourcen sind dabei alle Fähigkeiten, die ein Mensch im Lauf seines Lebens erworben hat. Sportliche Trauernde finden in Ihrer jeweiligen Sportart ein Ventil für Wut und Schmerz, aber auch etwas, was den Tag strukturiert. Wer schon immer ein Tagebuch geführt hat, kann sich den Schmerz von der Seele schreiben und beim Zurückblättern beobachten, wie sich die Trauer verändert. Menschen, die schon vor dem Tod eines nahen Menschen mit Entspannungs- oder Atemübungen vertraut sind, können ihre aufgebrachten Gedanken und Gefühle ein bisschen beruhigen. All das sind nur kleine Oasen, aber ohne sie kann der Trauerweg zu einer krankmachenden Überforderung werden. Eine der wichtigsten Ressourcen sind andere Menschen. Ich erlebe an meinen Klienten immer wieder, dass auch schwerste Schicksalsschläge überlebt werden können, wenn Familien im Trauerprozess zusammenhalten, Partner sich aneinander festhalten können und Freunde unermüdlich, auch über Jahre Beistand leisten.

Chris Paul

Chris Paul

Chris Paul ist Soziale Verhaltenswissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Trauerberatung. Als Trainerin und Fachautorin setzt sie sich seit 20 Jahren für die angemessene Begleitung von trauernden Menschen ein. Sie ist eine der renommiertesten Trauerbegleiterinnen Deutschlands, ihre Bücher sind Standardwerke für Betroffene und Fachleute. Sie ist Leiterin des TaruerInstituts Deutschland, in Bonn. Mit dem Ansatz der RessourcenAktivierenden Trauerbegleitung stehen Ermutigung und Stärkung im Mittelpunkt aller Fortbildungen des Instituts.

Chris Paul hat tatsächlich auf alle Fragen im Zusammenhang mit Trauer und Trauernden lesenswerte Antworten.
JaVita

Präzise, einfühlsam, anschaulich und geschöpft aus jahrelangen Erfahrungen in der Trauerbegleitung hat Chris Paul ihre neuen Perspektiven entwickelt.
Dr. Uwe Rieske, Landespfarrer für Notfallseelsorge im Rheinland

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