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Unvergessen: Jörg Zink

Am 9. September vor einem Jahr verstarb Jörg Zink im Alter von 93 Jahren. Wir möchten an diesen außergewöhnlichen Autor erinnern und blicken voller Dankbarkeit auf die Jahre der Zusammenarbeit zurück.

Man kann nur staunen über ein Leben voller tiefer Erfahrungen, Abenteuer, Kreativität und Mut: Jörg Zink war ein authentischer, aufrechter Mann, der wie kaum ein anderer Theologe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und wird – als Macher vom »Wort zum Sonntag«, Gallionsfigur des Kirchentags, Bibelübersetzer, Pädagoge, einer der wichtigsten Sprecher der Friedensbewegung und als Umweltschutzaktivist ein Gründungsmitglied der Grünen. Der unkonventionelle theologische Denker hat oft das ausgesprochen, was viele – Pfarrer, Gemeindechristen und Kirchenferne – sich nicht zu sagen trauten. Er zeigte Wege zu einer glaubwürdigen Theologie und einem erfahrbaren Glauben.

Matthias Morgenroth schreibt in seiner Biographie über Jörg Zink:

»Jörg Zink hat auf seine Weise und mit den unterschiedlichen Medien, die er sich zu eigen gemacht hat, unzählige Menschen geprägt und er hat damit auch ein Stück protestantischer Kirchen- und Theologiegeschichte geschrieben. Nicht als Lehrstuhlinhaber. Nicht als Bischof in Amt und Würden. Sondern als einer, der sich in aller Freiheit über Gott und die Welt Gedanken macht, in der Freiheit, die viele in den Amtskirchen vermissen. Als einer, der selbst ein Suchender blieb. Der wusste, dass es auch gar nicht anders sein kann.

Natürlich war er dadurch seiner Kirche oft unbequem. Er hat sich eben bei den vielen unterschiedlichen Tätigkeiten und durch seine vielen theologischen Gedanken weniger von ihr, sondern vielmehr von ihrem Gründer leiten lassen, von Jesus. Und von seinen eigenen Erfahrungen und seiner eigenen Vernunft. Davon ausgehend hat er seinen Weg gesucht. Er hat dabei ausgesprochen, was viele und zunehmend mehr Menschen denken, was aber in »der Kirche« in »der Theologie« nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand zu hören ist: Warum soll man denn mit der Bergpredigt nicht die Welt gestalten können? Mit welcher Chuzpe setzt man sich denn in den Kirchen über die Weisungen hinweg, die Jesus den Menschen mitgegeben hat? Warum soll man denn, wenn Gott ein Gott aller Menschen ist, annehmen, er sei nur den Christenmenschen nahe – und den anderen Religionen die Wahrheit absprechen? Warum soll man denn, wenn Gott ein lebendiger Gott ist, annehmen, er habe nur damals zu biblischen Zeiten zu den Menschen gesprochen – und sei nun verstummt? Was ist denn mit der eigenen religiösen Erfahrung? Und warum sollten die verfassten Kirchen, die spät, sehr spät entdeckt haben, dass die Aufgaben des 21. Jahrhunderts Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung lauten, warum sollten sie meinen, sie seien mit dem Programm weltweit glaubwürdig? Stand das christliche Abendland, standen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen nicht  jahrhundertelang für das Gegenteil: für Krieg, Ausbeutung und Zerstörung der Welt? […]

Grenzüberschreitend waren auch Jörg Zinks Arbeitsfelder. Seine Kanzeln waren die Kirchentage, war das Fernsehen, waren Filme, die er gemacht hat, war das »Wort zum Sonntag «, das ihn für Jahrzehnte zu Deutschlands bekanntestem Seelsorger gemacht hat, waren die Bücher, in denen er immer wieder, aber immer wieder neu Themen umkreist, mit denen sich spirituell Suchende, selbstdenkende Christen auseinandersetzen: Wie können wir beten, wenn wir es eigentlich nicht (mehr) können? Wie können wir feiern, wenn wir die Gottesdienste nicht mehr als frohes Fest erleben? Wie können wir die Bibel lesen, wenn uns die Texte abgestumpft erscheinen? Wie Erfahrungen mit Gott machen? Wie Ökumene leben? Lieben? Trauern? Wie andere Religionen als Partner verstehen? […]

Er war einer der allerersten, die den Ruf »Schöpfung bewahren« als unbedingte, existentielle und religiöse Forderung formulierten, soll der Planet Erde überlebensfähig bleiben. Und in den vergangenen 30 Jahren hat er schließlich immer wieder für beide geschrieben, für die Zukunft des Christentums, das anders werden muss, ganz anders, soll es glaubwürdig überleben, und für den Einzelnen, der sich selbst und seiner Erfahrung trauen lernen soll, auf dass die Welt nicht untergehe. Für eine Kirche ohne Gerede von einer einzufordernden angeblich christlichen Moral, ohne Profilneurose und Abgrenzungsdiskussionen zwischen den Konfessionen und Religionen, ohne ängstliches Auslegungsmonopol des angeblichen Willens Gottes, von dem man ach so viel zu wissen meint. Und für den Einzelnen, der selbstbewusst, aufrecht unter dem Himmel, seine spirituelle Kraft suchen und finden muss, der wissen muss: Auf ihn kommt es an, nicht auf irgendwelche Oberen. Und der, auf diese Weise befähigt und mit der Geistkraft des Lebendigen verbunden, loszieht, die Welt zu ändern, auf dass sie nicht untergehe.

Jörg Zink ist ein Anfänger gewesen – und geblieben. Das ist wohl eines seiner Geheimnisse. Er war ein Pionier in den Arbeitsfeldern, die er beackern durfte. Er hat miterfunden, wie Film und Religion zusammengehen könnten. Er hat mit Langspielplatten und Fotos experimentiert, den religiösen Buchmarkt über Jahrzehnte geprägt. Er ist Gründungsmitglied der Grünen. Er war immer schon in Gedanken weiter, als es das behäbige theologische Nachdenken an den Universitäten erlaubt. Er war dadurch ein Kirchenkritiker, der darin aber nicht bei Vorwürfen endete, sondern weiterschritt, im Bewusstsein, selbst Kirche zu sein. Auf niemanden warten zu müssen. Auf keinen Bischof. Keinen Theologen. Und schon gar keinen Papst. Die Kirche besteht aus Laien, einfach aus Menschen, das sagte er immer wieder. Und deswegen hatte er zu jeder Art von Leitung einer Kirche immer ein distanziertes Verhältnis. Weil jede Führung Rücksicht nimmt auf das Bedürfnis der Menschen, eine Autorität vor sich zu sehen und einer Autorität zu gehorchen. Dann aber gehorche man einer Kirchenleitung – und nicht dem, was wir von Jesus Christus hören. »Dann steht der Bischof an der Stelle des Christus, und das ist gefährlich. Denn bis jetzt hat niemand kühnere Gedanken über die Gotteserkenntnis gesagt als Jesus. Und er geht uns mehr an.«

Jörg Zink, der Mystiker, der politische Theologe, der Jesus-Anhänger, Jörg Zink, der Seelsorger, Pfarrer, Dichter, Ratgeber, Prediger, Maler, Fotograf, Schreiner, Bastler, Gärtner und Vater – was wäre er auf diesem seinem Weg gewesen ohne die leise Liebesgeschichte, die sich im Hintergrund seiner Arbeit immer auch erahnen lässt. Jörg Zink hat vielen mittelalterlichen Mystikern, mit denen er im geistigen Austausch ist, eine Erfahrung voraus, eben diese Liebesgeschichte mit seiner Frau Heidi. Er war geerdet im Hier und Jetzt, im Familienleben, mit Kindern und Enkeln gesegnet, mit einem geliebten Menschen gemeinsam auf dem Weg durch die Jahre. Heidi und Jörg Zink sind über Jahrzehnte gemeinsam unterwegs gewesen, sie hat ihn begleitet, von Podium zu Podium, in die Wüste, zum Meer, in seine Denk- und Erfahrungsräume. Wohl kaum ein Text ist entstanden ohne ihr Gegenüber und ihr Denken im Dialog. Beide sind sie gemeinsam alt geworden – und beide leuchten, strahlen eine Kraft aus, die auch eine gemeinsame ist. Jörg Zink war eben ein Mensch in Beziehung in jeder Hinsicht, und seine Theologie ist auch heute ein Jahr nach seinem Tod eine Theologie der Beziehung zu Himmel und Erde. […] «

Mit ihm haben die Kirchen und die Gesellschaft eine der prägendsten religiösen Stimmen der letzten Jahrzehnte verloren. Seine tiefe biblische Spiritualität hat vielen Menschen bis in diese Tage hinein lebendige Räume der Weisheit erschlossen. Seine Strahlkraft wird unvergessen bleiben.

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