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Patricia Thielemann: Spirit Yoga

Was »Spirit Yoga« Patricia Thielemann wirklich bedeutet …

Ein Gespräch zwischen Pater Christoph Kreitmeir, Werner Arnold und Patricia Thielemann

Patricia_Thielemann_c_Nadja-KlierBei meiner Recherche nach einem katholischen Priester, der mir erklären könnte, warum so viele Menschen vom christlichen Glauben abfallen und ihr Glück auf esoterischen Wegen suchen, durfte ich Pater Christoph kennenlernen. Ich hatte zuvor sein Buch »Sehnsucht Spiritualität« gelesen und ihn, weil mir der Inhalt des Buches sehr zusagte, daraufhin kontaktiert. Er hatte wenige Wochen vor unserem Gespräch begonnen, den Franziskanerorden zu verlassen, um seinen eigenen Weg ohne die Rückendeckung seiner Glaubensgemeinschaft als Priester fortzusetzen. Ich lernte einen in seinem Glauben tief verankerten Mann voller Weitsicht und Güte kennen, für den das Umfeld, in dem er mehr als dreißig Jahre gelebt hatte, zu klein und zu eng geworden war. Pater Christoph sieht, dass die Menschen eine echte, tiefe Sehnsucht nach dem Wesentlichen umtreibt, viele sich aber weder durch kirchliche Angebote noch durch festgezurrte Rituale angesprochen fühlen. Wir könnten kaum unterschiedlicher sein, und doch habe ich in Pater Christoph einen Freund und Weggefährten gefunden. Werner Arnold ist Unternehmer, kath. Christ, Zenpraktizierender und ein Freund von Christoph Kreitmeir.

Patricia Thielemann: Im modernen Yoga zeichnen sich vier Strömungen ab: Es gibt einmal das sehr traditionelle, an die indische Philosophie zum Beispiel des Krishnamacharya anknüpfende Yoga. Es ist exotisch, aber auch irgendwie aus der Welt gefallen, es lässt sich eigentlich so nicht in unser Leben im Westen integrieren und hat auch keinen gesellschaftlichen und wirklich lebenspraktischen Impact. Dann gibt es eine weitere Fraktion, die Yoga als Woodstock Revival lebt, die daraus eher einen vegetarisch bis veganen Hippie-Kult der Achtsamkeit macht.

Christoph Kreitmeir: Esalen in Kalifornien und alles, was damit zusammenhängt…..

Patricia Thielemann: Gitarre rausholen, sehr links politisch engagiert sein, und ganz aufgeklärt einen Joint rauchen. Das ist der neue Kult der Metropolen, Yoga for Hipsters. Die dritte Gruppe ist die rationale, effiziente, Esoterik-abgewandte Fraktion. Elf Yogaübungen für einen schönen Körper. Madonna und Sting tun es auch, es ist cool und wirkt. Und die vierte lässt es zu einem Kieser-Physio-Training mutieren, Rückenprogramm mit einer kleinen Dosis Spiritualität. Wenn ich an die vielen tausend Menschen denke, die zu Spirit Yoga kommen, dann weiß ich, dass sie keine dieser vier Richtungen gebrauchen können. Es sind alles vernunftbetonte Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Aber sie sind schon hier und da an ihre Grenzen geraten und haben gespürt, dass man nicht alles im Leben mit Willen und Kontrolle erreichen kann. Wenn solche Menschen sich auf eine Sinnsuche begeben, dann suchen sie keinen Guru, sondern einen Raum, in dem sie für sich dem Wesentlichen auf die Spur gehen können.

Christoph Kreitmeir: Das Wort Spirit Yoga betont also die spirituelle Dimension?

Patricia Thielemann: Yoga, wie ich es verstehe, dient dem Spirit, dem Licht in den Menschen. Ich vermittele über die körperliche Erfahrung von Anstrengung, Entspannung und bewusster Atmung, wie man sich wieder mehr spüren, Anbindung an den Urgrund schaffen kann. Man gewinnt Abstand zum Alltagsselbst. Darüber findet man einen anderen, essentielleren Zugang zum Sein und dann hoffentlich auch darüber hinaus zu etwas Größerem.

Christoph Kreitmeir: Das lässt mich als Priester aufmerken: Sie suchen den Kontakt zu Pastoren und Geistlichen, Sie sprechen von Gott, von spiritueller Suche und säkularer Welt. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie christlich geprägt aufgewachsen sind?

Cover zu Patricia Thielemann: Spirit Yoga. Aufrecht, stark und klar im LebenPatricia Thielemann: Ursprünglich evangelisch, aber wie viele in meiner Generation habe ich als Erwachsene in fremden Kulturen gesucht, was mich in meiner nicht überzeugte. Im Yoga geht es um Authentizität. Und da wusste ich irgendwann, Gott für sich neu erfinden zu wollen, indem man kleine Ganeshas und glitzernde Shiva-Statuen aufstellt, weil das gerade so trendy ist, das funktioniert für mich nicht. Ich möchte mich mit einer eigenen religiösen Herkunft, Identität und Kultur auseinandersetzen, denn ich versuche ja, mit dem Yoga eine Annäherung zu finden. Wie kann ich die Brücke schlagen, für mich und für die Menschen in meinen Kursen? Das Wort Gott geht da nicht über meine Lippen, es ist zu bedeutungsbesetzt. So muss ich mich eigentlich fast einer Sprachlosigkeit ergeben und kann nur geschickt versuchen, einen Rahmen zu schaffen, in dem das, was essentiell ist, Bedeutung findet. Aussprechen kann ich es nicht. Denen, die suchen, kann ich über die körperliche Praxis den Weg weisen, aber trotzdem möchte ich besser verstehen, was da eigentlich passiert. Worte zu finden, die diese aufgeklärten Menschen noch erreichen, das wäre irgendwann schön.

Christoph Kreitmeir: Ganz toll: Was Sie da sagen, trifft auf viele Menschen unserer westlichen Gesellschaft zu, katholische, evangelische oder solche, die längst aus der Kirche ausgetreten sind. Sobald man einen Priesterkragen trägt oder eine Kutte oder das Wort Gott erwähnt, geht bei vielen die Jalousie runter. Wenn es um das Sprechen über Gott geht, und das sage ich jetzt als Theologe, dann geht es um das Unaussprechbare, um Geheimnis, um das ganz andere … Das sind genau die signifikanten Charakteristika von Gott. Wir müssen uns mühen, über Gott in einer anderen Weise zu sprechen, ohne Platzhalterfunktionen einzusetzen.

Patricia Thielemann: Ich bin noch ratlos, die rechte Ansprache zu finden …

Werner Arnold: Ich frage mich, ob man das wirklich mit Worten benennen muss. Yoga hat eine ganz wichtige Türöffnungsfunktion, indem es den Tempel, den Körper, als Hülle der Seele betrachtet. Die Vorbereitung des Körpers über Yogaübungen kann uns für andere Dimensionen öffnen. Die Voraussetzung ist tiefere Versenkung, und die kann man im Yoga erreichen. In der Zen-Praxis begegne ich auch vielen, die mit dem traditionellen, christlichen Gott nicht viel am Hut haben. Aber über die Erfahrung der Stille und der Versenkung werden sie berührt, können sie sich das Göttliche erschließen.

Patricia Thielemann: Genau. Der Unterschied ist, Yoga ist marketingmäßig aufbereitet worden und dadurch anders besetzt als Zen. Wer in ein Zen-Kloster geht, ist schon auf der Suche nach spiritueller Erfahrung. Während ins Yoga Leute mit unterschiedlichsten Erwartungen kommen, so wie ich das eingangs beschrieben habe.

Werner Arnold: Es geht Ihnen darum, alle diese Menschen anzusprechen. Das ist natürlich eine sehr heterogene Gruppe. Das ist schwierig. Zen ist etabliert als eine inzwischen vom Buddhismus losgelöst denkende interreligiöse Form der Praxis. Kontemplation nennt man das jetzt eher in einem christlich-evangelisch-katholisch geprägten Umfeld. Es ist dem Menschsein immanent, unabhängig von der kulturellen oder religiösen Prägung.

Christoph Kreitmeir: Psychologisch betrachtet ist das universell. Von unserer Natur als Mensch her, verankert in unserem kollektiven Unbewussten haben wir alle die Sehnsucht nach etwas Größerem, nach Transzendenz. Das Inter-Religiöse oder das Trans-Religiöse kann man auch definieren als etwas Verbindendes zwischen Anhängern der reinen katholischen Lehre, klassischen Lutheranern und Vertretern der Zen-Philosophie. Zen ist ja eigentlich eher eine Philosophie und der Buddhismus die Religion dahinter. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle, der Jesuit, der in Japan ein Zen-Meister wurde, und das in Europa lehrte, ohne seinen Glauben aufzugeben, ist ein Beispiel für diesen Weg. Es ist schön, wenn Sie vom Yoga her diesen Weg beschreiten. Wenn Sie mir das beschreiben sollten, wie sähe dieser 5. Yoga- Weg aus?

Patricia Thielemann: Der Spirit Yoga Weg wäre der, ähnlich wie in der Kirche über bestimmte rituelle Abläufe zu erreichen, dass die Menschen in die innere Erfahrung geführt werden. Durch das Spüren, durch das bewusste Atmen, durch physische Auseinandersetzung lernen sie, Gelassenheit zu üben, und in der Stille am Ende sind sie dann soweit, dem Wesentlichen auf die Spur gehen zu können.

Christoph Kreitmeir: Wenn ich das jetzt so höre, dann verstehe ist jetzt das, was der Herr Arnold gesagt hat, wie er es für sich erlebt hat und erlebt, folgendermaßen: Yoga öffnet als Vorbereitung Tore, die dann durch die Methode, die er seit 35 Jahren kennt – Zenmeditation – nach innen führen. Zen ist quasi Schritt, der durch die Tür nach Innen führt, Yoga ist der Schlüssel, der die Tür öffnet.

Werner Arnold: Das Atmen erlaubt ja überhaupt erst, in eine andere Tiefe zu kommen. Das ist ein langwieriger Prozess, der viel Geduld erfordert.

Patricia Thielemann: Wir sind doch konfrontiert mit den Schwierigkeiten der Menschen, überhaupt noch mit anderen Menschen in Resonanz treten zu können. Das Schlimme ist doch das Gefangensein in dem vorherrschenden Kult der Äußerlichkeit, der Verdinglichung von allem, in diesem zwanghaften »Ich muss mich fithalten, ich muss leistungsfähiger sein, ich muss mich entstressen und sozial kompetenter werden, ich muss, muss, muss …« Das wäre auch meine Kritik an den Achtsamkeitsschulungen, die heute stattfinden.
Ähnlich wie im Yoga wird da zurzeit der Begriff der Achtsamkeit und die Praxis missbraucht für ganz andere Ziele. Menschen sagen sich: »Ah, wenn ich jetzt noch mehr Abstand gewinne, dann kann ich kontrollieren, manipulieren, dann bin ich leistungsfähiger, dann hab ich noch mehr den Durchblick …«

Christoph Kreitmeir: Der Philosoph Wilhelm Schmid spricht deshalb nicht von Achtsamkeit, weil er sagt, dass der derzeitige Hype um die Achtsamkeit Geschäfte macht und somit den Begriff entwertet. Er spricht von Aufmerksamkeit. In unseren jeweils verschiedenen Praxisfeldern wollen wir dem Menschen wieder Räume zur Selbstbegegnung und zur Gottesbegegnung geben.
Das wollen Sie auch, Frau Thielemann, und Ihr Hauptraum ist der Körper. Das interessiert mich, deswegen sitze ich hier, weil in der katholischen Kirche, aber auch in der evangelischen Kirche, der Körper bis hin zur Körperfeindlichkeit vernachlässigt wurde und nicht selten noch wird. Und dass wir, um es bayerisch zu sagen, es leid sind, dass Perlen vor die Säue geworfen werden – Yogaperlen, Zen- und Christentumsperlen … Stimmts oder habe ich Recht?

(Alle lachen)

Patricia Thielemann: Genau, Sie treffen es.

Christoph Kreitmeir: Auf meine Frage, wie es mit der Kirche seiner Meinung nach weitergehen wird, sagte Prof. Schmid in einem Interview, das ich vor kurzem mit ihm führen durfte: »Auf keinen Fall auf dem Weg des Benedikt, sondern auf dem Weg des Franziskus«. Und ich frage verblüfft: »Was meinen Sie jetzt, die Heiligen oder die Päpste?« Darauf er »Die Päpste. Der Weg des Benedikt war der Weg der Entweltlichung: Wir sperren uns alle in einen heiligen Raum. Was um uns herum passiert, ist schlimm, aber wir wollen nicht, dass die Lehre und die Essenz davon berührt und zerstört werden. Die franziskanische Spiritualität, die des Papstes Franziskus, der zwar Jesuit ist, aber sehr franziskanisch lebt und handelt, meint ›Hinein in die Welt mit unserer Botschaft‹. Und das macht er ja sehr authentisch.«
Aber was ich sagen will ist, mir fällt auf, dass sich anscheinend seit sechs Jahren ein Wandel in mir vollzieht, der jetzt wie eine Bombe oder wie eine Blase geplatzt ist, nämlich durch meine letzte Versetzung im Franziskanerorden. Ich gehe mit dem um, was ich essentiell habe, nämlich zur Zeit nichts, außer mir selbst. Ich habe tolle Freunde, die mich beherbergen. Ich gehe in Zukunft in ein intensives Arbeitsfeld, das jeden Tag Leid, Schmerz, Not, bedeutet, das Krankenhaus. Dahin gehe ich jetzt mit meiner essentiellen Botschaft, nämlich: Leben ist wert, gelebt zu werden. Wenn wir keine falschen Kompromisse leben, wenn wir durch alle Höhen und Tiefen gehen, dann hinterlassen wir etwas, das stimmig ist: Echte Spiritualität, ob christliche, buddhistische, ob Yoga oder Zen, will nicht ein Wellnessprogramm sein. Sie will in die echte Selbstbegegnung, Gottesbegegnung und die Begegnung mit anderen Menschen, der Schöpfung und dem Leben führen.
Echte Spiritualität führt nicht in die Realitätsferne oder ins Wolkenkuckusheim. Sie führt ins Leben mit Bodenhaftung und ist deshalb so notwendig in einer immer oberflächlicher werdenden Welt.

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