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Der Blog des Gütersloher Verlagshauses

Wir sind immer »ONLINE« – Digitalisierung verstehen

Die Möglichkeiten der Digitalisierung haben binnen weniger Jahre menschliches Verhalten zutiefst verändert, und das betrifft nicht nur die Generationen, die in die neue Welt hineingeboren werden und ganz selbstverständlich mit dem Smartphone aufwachsen.

Was also ist anders am Menschen 4.0?

Alexandra Borchardt greift in ihrem Buch viele Facetten dieses neuen Menschen auf. Zum Beispiel:

Individualisierung: Es geht um mich

Digitalisierung treibt die Individualisierung voran. Es geht um mich, und zwar auf Schritt und Tritt. Unternehmen vermitteln ihren Kunden das, indem sie ihnen rund um die Uhr vermeintlich passgenaue Produkte anbieten. Von der Stange war einmal, persönlich konfiguriert muss es sein. Und die Technologie macht es möglich. Die automatische Analyse der Daten, die der Kunde auf Schritt und Tritt sendet, ermöglicht es, ein immer detaillierteres Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Man will aber nicht den Bürger genau kennen, sondern den Konsumenten.

Simplifizierung: Ich will es sofort

Wenn das Smartphone immer greifbar ist, immer auf Empfang und Sendung steht, heißt das auch: Alles scheint sofort möglich zu sein. Jedes Bedürfnis kann theoretisch umgehend befriedigt werden. Man muss sich nicht mehr lange mit Fragen quälen, denn man kann googeln, wie der Text des neuen Adele-Songs wirklich lautet, wer das Internet erfunden hat oder ob es im August noch einen erschwinglichen Flug nach New York gibt.

Warten, Geduld, Ausharren, sich Dinge mühsam erarbeiten – all das erscheint dem Menschen 4.0 als Zumutung. Was nicht jetzt, gleich, hier und sofort passiert, rückt in die Ferne, das Interesse schwindet. Das Bedürfnis nach schneller Belohnung ist zügig antrainiert.

Innere Freiheit entsteht allerdings nur dann, wenn man sich solcher Zwänge entledigt. Womöglich braucht der Mensch 4.0 Fastenzeiten, in denen er ausprobieren kann, was noch alles geht, wenn man nicht permanent »online« ist

Ökonomisierung: Lohnt sich das für mich?

Die Digitalisierung treibt den Kapitalismus auf eine neue Stufe. Mit ihrer Hilfe lässt sich praktisch alles, was menschengemacht ist, dem Diktat der Effizienz unterwerfen. Ist im Bayerischen Wald noch irgendwo ein Zimmer frei? Fehlt die Vollfett-Milch im Regel? Produziert das Windrad Energie, ohne dass sie abgerufen wird? Wenn alles mit allem vernetzt ist, lassen sich auch noch die letzten ungenutzten Kapazitäten aufspüren. Prozesse werden auf ihre Wirtschaftlichkeit hin abgeklopft, Leerlauf oder Überfluss müssen bekämpft werden. Das kann positiv sein, zum Beispiel für die Umwelt. Werden Ressourcen optimal ausgenutzt und der Energieverbrauch optimiert, kann man wenigstens hoffen, dass die Effekte nicht wieder durch ein Mehr an Konsum an anderer Stelle zunichte gemacht werden. Interessant ist aber in diesem Zusammenhang, wie der Trend zur Ökonomisierung den Menschen formt.

Wer sich die Freiheit in der komplett vernetzten Welt erhalten möchte, muss es schaffen, dem Druck der Effizienz zu widerstehen und sich herauswagen: in die Welt, in ungeplante Gespräche, in Gemeinschaften, die außerhalb der Echokammern liegen, die Algorithmen für uns bauen. Es ist das Verführerische an der Digitalisierung, dass sie das Leben bequem und vermeintlich sicherer macht, indem sie möglichst wenig dem Zufall überlässt.

Tatsächlich ähnelt das Prinzip dahinter der urchristlichen Vorstellung, es gäbe einen Gott, der alles wisse und alles steuern könne. Schon die Schöpfungsgeschichte in der Bibel hat versucht, die Entwicklung der Erde und des Lebens als einen ausgeklügelten Sieben-Tage-Plan erscheinen zu lassen. Ohne den Zufall allerdings gäbe es kein Leben. Und Menschen sind genau im Umgang mit dem Zufall stark. Richtet der Mensch dagegen seine ganze Energie darauf, Effizienz zu optimieren, konkurriert er künftig vor allem mit Maschinen. Und dieses Rennen ist schon verloren.

 

Mehr zum Buch in der aktuellen Leseprobe:  Read ’n‘ go: Mensch 4.0

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